Details

Taube Klara oder Zufälle gibt es nicht


Taube Klara oder Zufälle gibt es nicht


1. Auflage

von: Wolf Spillner

5,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 12.10.2011
ISBN/EAN: 9783863941185
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 122

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

So kannte Hannes seine Mutter noch nicht: Opas Lieblingstaube Klara hing tot in ihrer Hand. Sicher, resolut war Mutter schon immer, der Kapitän zu Hause, obwohl doch Vater auf großen Schiffen zur See fuhr. Aber Mutter war auch verständnisvoll, lieb und vor allem: hilfsbereit. Nicht einen Augenblick hatte sie gezögert, mit dem Schlitten in der Weihnachtsnacht durch Kälte und Schnee zu ziehen, um den hilflosen Nachbarn Pinkau zu holen, dem andere die Hilfe verweigerten. Doch Klara töten? Omas einzige Gefährtin nach Opas Tod? Gewiss, Mutter hatte sich vor ihr geekelt, vor dem Taubendreck in der Küche, sie fürchtete um Omas Gesundheit und würde Oma am liebsten mit nach Berlin nehmen. - Zwei Weihnachtstage zu Besuch am Jammerfeld - Hannes wird sie nie vergessen.
Das Buch erschien 1987 bei: Der Kinderbuchverlag Berlin. Es wurde in acht Sprachen übersetzt und 1991 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.
So kannte Hannes seine Mutter noch nicht: Opas Lieblingstaube Klara hing tot in ihrer Hand. Sicher, resolut war Mutter schon immer, der Kapitän zu Hause, obwohl doch Vater auf großen Schiffen zur See fuhr. Aber Mutter war auch verständnisvoll, lieb und vor allem: hilfsbereit. Nicht einen Augenblick hatte sie gezögert, mit dem Schlitten in der ...
Wolf Spillner
geboren 1936 in Herzberg am Harz, ist ein deutscher Autor und Fotograf
Aus seinem Geburtsort zog seine Mutter mit ihm in ein winziges Holzhaus am Rande der Lüneburger Heide als er 13 Jahre alt war. Mit 16 Jahren war er Waise. In Mainz war er mehrere Jahre Volontär einer naturwissenschaftlichen Jugendzeitschrift. Als die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland akut wurde, übersiedelte er 1955 in die DDR. Er war in Schwerin etliche Jahre als freier Bildreporter tätig. Auch wurde er für acht Jahre Betonfacharbeiter und nutzte seine Freizeit, um Material für seine ersten Bücher zu erarbeiten. Ab 1967 freiberuflich als Autor und Fotograf tätig. Er wohnte zwei Dutzend Jahre in einem 17–Seelen- Dorf zwischen Wismar und Schwerin in der Naturlandschaft Mecklenburgs am Dambecker See . Heute lebt Wolf Spillner in Ludwigslust.
Spillner arbeitete zunächst als Journalist. Später betrieb er ornithologische Studien und galt als einer der profiliertesten Naturfotografen der DDR. Dabei widmete er sich insbesondere der Beobachtung des Sozialverhaltens koloniebrütender Vögel. Beeinflusst von Werner Lindemann wurde er Mitte der 7oer Jahre zum Autor von Kinder- und Jugendbüchern, von denen einige auch verfilmt wurden. Sein bekanntestes Buch Taube Klara wurde in 8 Sprachen übersetzt und 1991 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Seit einigen Jahren hat er sich der digitalen Fotografie zugewandt, sowie per Fahrrad und Kajak Nordamerika, Nordskandinavien, Neuseeland und Jakutien bereist.
"Ein Auto, Oma, ein Auto!" Ich rannte los, zur Straße hin. Der Lichtkegel war schon ganz nahe. Er kam von Proseken her. Als ich auf der Straße war, traf mich das Licht schon voll. Ich riss die Arme hoch, winkte und blieb mitten auf der Straße stehen. Sehen konnte ich nichts, so sehr blendeten mich die Scheinwerfer. Ich hörte nur, wie der Fahrer das Gas wegnahm und schaltete. Dann wurde das Licht abgeblendet. Rutschend blieb das Auto kurz vor mir stehen. Der Motor lief weiter, und ein Mann brüllte: "Bist du verrückt geworden?"
Die Stimme klang wütend, aber ich ging trotzdem zu dem Auto.
"Helfen Sie uns!" sagte ich. "Da liegt einer!"
Der Mann antwortete nicht. Ich hörte nur, wie eine Frau sagte: "Sieh nach, was los ist, Emil!" Dann klappte eine Tür auf, und im Auto wurde es hell. Eine Frau und ein Mann saßen drin, und der Mann stieg aus. Er war ziemlich dick. Vielleicht war nicht er dick, sondern nur der Mantel aus Schaffell mit dem großen Kragen. Den hatte ich in der Kirche schon gesehen, zwei Reihen vor uns.
"Was ist los", fragte der Mann. "Wieso bist du allein hier auf der Straße um diese Zeit? Wo kommst du denn her?"
"Frag nicht soviel, Emil", rief die Frau aus dem Auto. "Sieh nach, was los ist, und beeile dich!"
"Also, was ist?" sagte der Mann. Er stand schon ganz dicht vor mir.
"Wir haben ihn gefunden", stotterte ich, "meine Oma und ich. Er kann nicht mehr laufen!"
"Nicht mehr laufen? Ach so! Pinkau, was? Besoffen!" Er lachte, und das hörte sich böse an.
"Kommen Sie", rief Oma vom Weg her.
"Ist ja dunkel wie ein Loch", murrte der Mann. Er tappte hinter mir zu den Weiden.
Oma stand neben Pinkau. Er lag noch immer auf dem Bauch.
"Na klar", sagte der Mann, "Pinkau! Und deshalb hältst du mich an, Bürschchen?"
"Nu, das möcht Menschenpflicht sein", sagte Oma.
"Ach, das ist die Frau Wachtoweit!" Der Mann lachte wieder. "Jetzt höre ich, wer Sie sind. Na, Sie machen mir Spaß. Was soll denn die Aufregung? Pinkau ist noch immer nach Hause gekommen. Das müssen Sie doch wissen! Wenn ihm kalt genug ist, findet der sein Nest."
Oma ging auf ihn zu, ganz nahe an ihn heran. Sie versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen.
"Sie sind der Emil Neubaum", sagte sie, "von der Mosterei, nicht wahr?"
"Genau", sagte der Mann, "aus Rubow. Und den Pinkau, Frau Wachtoweit, den lassen wir schön hier liegen. Soll er sich mal ausnüchtern."
"Erbarmung, ich bitt Sie, Herr Neubaum", flehte Oma. "Tun Sie ihn nach Hause fahren. Ist doch ein kleines Stück nur für Sie mit dem Auto. Weil Weihnachten ist!"
"Nee", sagte der Mann, "da hätte der eher dran denken sollen. Soll ich mir vielleicht noch das Auto versauen lassen von so einem? Nee, danke! Also, dann mal schöne Weihnachten, Frau Wachtoweit!" Er drehte sich um und stampfte zu seinem Auto zurück. Der Motor lief noch, dann flammte das Fernlicht auf, und wir standen allein im Schnee neben Pinkau, dem Fahrrad und der Posaune.
"Die Kolik soll er kriegen, der Schisser!" Oma spuckte in den Schnee.
"Du, Oma, da muss noch ein Auto kommen", versuchte ich sie zu trösten. Auch das zweite Auto, das uns auf dem Hinweg zur Kirche überholt hatte, konnte doch in Richtung Rubow zurückfahren.
"Meinst wirklich?", fragte Oma zweifelnd, doch sie ging mit mir zur Straße.
Da standen wir und warteten, und es dauerte auch gar nicht lange, da hörte ich schon wieder ein Auto brummen. Aber der Lichtschein kam nicht von Proseken her, sondern von Rubow, und ich dachte: Jetzt kommt dieser Neubaum noch mal zurück. Der hat es sich überlegt. Genau das dachte ich, und dass wir eigentlich gar nicht zu winken brauchten. Aber Oma ruderte mit ihren Armen wie ein schwarzer Vogel mitten auf der Straße, als die Scheinwerfer um die Kurve schwenkten.
Das Licht wurde gleich abgeblendet, und das Auto kam langsam heran, bis es anhielt vor uns, und ich hörte am Motor, es war nicht der Wartburg von diesem Neubaum. Das war ein Lada.
Der Motor wurde ausgeschaltet. "Wo wollen Sie denn noch hin?", fragte eine Frauenstimme. Sie klang ganz freundlich.
Oma trippelte auf das Auto zu.
"Sollen wir Sie mitnehmen?", fragte die Frau am Steuer. Sie hatte die Scheibe heruntergedreht. Erkennen konnte ich sie nicht.
"Nein", sagte Oma, "Hilfe brauchen wir. Unser Nachbar, wissen Sie, der kann nicht mehr laufen. Im Schnee liegt er."
"Und warum?", fragte eine Männerstimme aus dem Auto. "Ist er besoffen?"
"Ich bitte Sie! So kalt, wie es ist! Sie möchten's doch auch warm haben!"
"Alles richtig", sagte der Mann, "aber ich habe so meine Erfahrungen mit Leuten, die betrunken sind. Ich habe mir einmal das Auto voll kotzen lassen. Das reicht mir!"
"Sollen wir nicht doch lieber ...", fragte die Frau leise.
"Nein", sagte der Mann.
"Dann lass uns doch wenigstens die alte Frau nach Hause fahren", bat die Frau.
"Einverstanden", sagte der Mann, aber Oma trat schon vom Auto zurück.
"Ich fahre Sie", sagte die Frau noch.
Da war Oma schon neben mir, packte mich am Arm und zog mich über die Straße zum Weg hin, wo Pinkau lag. Hinter uns wurde der Motor gestartet. Nun waren wir wirklich allein.

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