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Die Frucht der bitteren Jahre


Die Frucht der bitteren Jahre

Erzählung über den Kammergerichtsrat und Dichter E. T. A. Hoffmann
1. Auflage

von: Joachim Lindner

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 15.04.2014
ISBN/EAN: 9783863946241
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 232

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Wer war E.T.A Hofmann? Wo und vor allem wie hat er gelebt? Auf ungewöhnliche Weise nähert sich Joachim Lindner in diesem Buch dem Menschen und Künstler, seinem Leben und seiner Kunst. Im Frühjahr 1882 wird ein Berliner Student, der mit Hoffmann verwandt ist, gebeten, Briefe seines Vetters wortgetreu abzuschreiben.
Auf diese Weise gelingt es dem Autor, die Lebensstationen Hoffmanns zwischen Königsberg und Berlin, seine politischen und künstlerischen Auffassungen, aber auch seinen persönlichen Mut, sich für Recht und Gerechtigkeit einzusetzen, auf literarische Weise dazustellen.
Gottlieb, so der Vorname des Berliner Studenten, lernt wie der Leser E.T.A. Hoffmann sehr viel genauer und ganz anders kennen als es das häufig in der Öffentlichkeit herumschwirrende Zerrbild vom ewig betrunkenen Gespensterdichter vorgibt – eine Einladung, dem wirklichen Hoffmann näher zu kommen.
Bemerkenswert ist ein Vorspruch des Autors zu seinem Buch: „Die Personen sind bis auf eine, die einer Erzählung Hoffmanns entlehnt wurde, historisch verbürgt. Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sondern, soweit es im Vermögen des Verfassers stand, angestrebt.“
Wer war E.T.A Hofmann? Wo und vor allem wie hat er gelebt? Auf ungewöhnliche Weise nähert sich Joachim Lindner in diesem Buch dem Menschen und Künstler, seinem Leben und seiner Kunst. Im Frühjahr 1882 wird ein Berliner Student, der mit Hoffmann verwandt ist, gebeten, Briefe seines Vetters wortgetreu abzuschreiben.
Auf diese Weise gelingt es dem ...
Joachim Lindner, 1924 in Gleiwitz geboren, verbrachte Kindheit und Jugend in einer in der Nähe von Ratibor gelegenen oberschlesischen Kleinstadt. 1942 wurde er zum Arbeitsdienst und darauf zum Militär eingezogen; im Februar 1945 an der Ostfront verwundet, erlebte er das Kriegsende in einem Lazarett in Ratzeburg.
Er holte dann das Abitur in Delitzsch in Sachsen nach und studierte in Rostock und Leipzig Germanistik und Geschichte. Danach arbeitete er als Lehrer im thüringischen Bad Berka und wurde Anfang 1953 Lektor im Berliner Verlag Rütten & Loening, 1955 bis zum Rentenalter Lektor im Verlag der Nation. Er war auch als Herausgeber tätig und schrieb einige Erzählungen über Persönlichkeiten des deutschen Kulturerbes, unter anderen über Annette von Droste-Hülshoff und zuletzt einen bisher unveröffentlichten biografischen Roman.
Mitternacht war längst vorüber, und Gottlieb ärgerte sich, dass er sich immer noch mit dem Vetter beschäftigte, obgleich er beschlossen hatte, sich eifriger seinen Studien zuzuwenden. Schon am nächsten Morgen wollte er Hitzig aufsuchen, um ihm zu erklären, dass er so rasch wie bisher nicht weiterarbeiten könne und zumindest einer Pause bedürfe. Zufrieden mit diesem Entschluss ging er zu Bett, schlief aber unruhig und träumte, dass ihn der Kriminal- und Pupillenrat, kaum dass er dessen Arbeitszimmer betreten hatte, in seine Arme schloss und mit den Worten begrüßte: »Ich freue mich sehr, dich wiederzusehen, lieber Freund und Schwiegersohn!«
Davon konnte freilich keine Rede sein, sagte sich Gottlieb, als er am nächsten Morgen, einem Sonntag, spät und missmutig aufwachte. Er hatte keine Chance, weder bei Eugenie noch bei einem anderen ehrbaren Mädchen, solange er keine feste Stellung besaß und nicht in der Lage war, eine Familie zu ernähren. Das war nun einmal das eherne Gesetz der bürgerlichen Gesellschaft, dem sich Mann wie Frau zu fügen hatten und dem sich auch Hoffmanns Julie unterwarf, wie qualvoll auch das Eheleben mit einem ungeliebten Mann sein mochte. Was sollte wohl aus einer Gesellschaft werden, fragte sich Gottlieb, in der selbst im Familienleben die geistig-sinnliche Harmonie weniger wichtig erschien als die materielle Sicherheit - Gedanken, die ihn nicht gerade glücklich stimmten und die gewiss von der ständigen Beschäftigung mit Hoffmanns Leben und Werk herrührten.
Gottlieb zog sich sorgfältig an und beschloss, bevor er zu Hitzig ging, einen Umweg über den Gendarmenmarkt zu machen. Vielleicht ging es dem Vetter besser, und er saß, in seinen Warschauer Schlafrock gehüllt, das rote Mützchen auf dem Kopf, an seinem Eckfenster. Auch an diesem Sonntagmorgen konnte er seine Betrachtungen anstellen, wenn es auch ruhiger auf dem großen Platz zuging als an jenem Markttag, an dem er ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Heute fehlten die robusten Gemüseweiber und die nicht weniger auf ihren Vorteil bedachten feilschenden Hausfrauen. Nur an der Ecke der Hauptfront des Theaters wurden wie an jenem Märztag von hübschen jungen Verkäuferinnen Blumen feilgeboten. Vielleicht war auch jene bildungsbeflissene darunter, die sich, sofern es das Geschäft erlaubte, in ihr Buch vertiefte und durchaus nicht glauben wollte, dass der Vetter, den sie als einen honetten, aber durchaus nicht außergewöhnlichen Herrn kannte, der Verfasser jener spannenden Erzählung sein sollte, die sie eben las.
Belebt war der Platz vorwiegend von Kirchgängern, die gemessenen Schrittes der deutschen oder der französischen Kirche zustrebten, das Gesangbuch in der Hand, ihre Ehefrauen am Arm, höflich den Hut lüftend, sobald sie Bekannten begegneten, während die Damen sittsam das Köpfchen neigten und den Herren ihre Beobachtungen zuflüsterten, und nur gelegentlich rief man den voraneilenden, bisweilen ungebärdigen Kindern ein leises Mahn- oder Scheltwort zu.
Vor dem Hause des Geheimen Obersteuerrats von Alten richtete Gottlieb den Blick zu des Vetters Fenster. Wie er befürchtet hatte, waren sie geschlossen, die Vorhänge zugezogen.
Gottlieb trat zu einem der Blumenstände. Er schwankte zwischen Maiblumen und Tulpen, entschied sich dann für Tulpen und stand wenig später vor dem Kriminal- und Pupillenrat Hitzig, der erstaunt schien, den Studenten mit einem Blumenstrauß vor sich zu sehen.
«Das Fräulein Eugenie«, stammelte Gottlieb, »hat mich bei meinem letzten Besuch so freundlich empfangen und während ich auf Sie wartete, mit Tee bewirtet.«
»Dafür wollen Sie sich bedanken?«, fragte Hitzig und ließ wie üblich Gottlieb keine Zeit zu antworten. »Das ist recht und erfreulich, besonders für Eugenie«, doch Gottlieb dachte, dass es ihm sicher gar nicht so lieb sei, wenn ein so armer Schlucker wie er sich um seine Tochter bemühte.
»Eugenie«, rief der Kriminalrat und öffnete die Tür zum Nebenzimmer, »begrüße doch bitte unseren Gast!«
Sie errötete über und über, als Gottlieb ihr den Blumenstrauß überreichte — wahrscheinlich war es der erste, den sie von einem Verehrer erhielt.
»Zum Dank für den Tee«, stotterte Gottlieb, »den Sie so freundlich waren ...«
»Schon gut«, unterbrach ihn Hitzig, »es wird das beste sein, die Blumen in eine Vase zu stellen, Eugenie!«
»Das will ich gleich tun«, lispelte sie und verschwand mit einem zierlichen Knicks.
Gottlieb freute sich, dass ihn der Kriminalrat nicht ins Arbeits-, sondern in das große Wohnzimmer komplimentierte, wo er ihn an einem schönen Nussbaumtisch Platz zu nehmen bat.
Kurz darauf kehrte Eugenie mit einer Porzellanvase zurück. »Kein Meißner Porzellan«, bemerkte ihr Vater, »aber die Berliner Manufaktur ist auch nicht schlecht. Gewiss ist Ihnen bekannt, dass König Friedrich, den man jetzt den Großen zu nennen beliebt, seinerzeit die Juden zwang, jährlich ein gewisses Quantum des Berliner Porzellans zu kaufen, um sowohl die Produktion zu fördern wie auch den Verkauf zu sichern — eine nicht sehr seriöse und wenig königliche Art, Geschäfte zu machen, und wie so oft waren die Juden die Leidtragenden. Immerhin ist auf diese Weise manch schönes Stück Porzellan in unsere Familie gelangt. — Doch lassen wir das. Da heute Sonntag ist, wollen wir uns ein Gläschen Wein gönnen. Auch dich, liebe Eugenie, bitte ich, mit uns anzustoßen auf das gute Gelingen unserer Arbeit.«
Eugenie entnahm dem Glasschrank, den Gottlieb bereits kannte, drei Gläser, hielt sie gegen das Licht und putzte sie mit einem weißen Tuch blank, während ihr Vater eine Flasche entkorkte.
»Einen so guten Wein wie der Herr Kunz kann ich mir leider nicht leisten«, sagte er beim Einschenken, »und Sie wissen ja auch, dass ich kein Freund des Alkohols bin im Gegensatz zu Ihrem Vetter, der geistige Getränke benötigt, um sich zu montieren, wie er es nennt.«
Er hob das Glas. »Wir wollen anstoßen auf seine Genesung und auf eure Gesundheit, liebe Kinder! Es steht übrigens nicht gut mit ihm, die Lähmung schreitet unaufhaltsam fort. Er ist nicht mehr in der Lage, seine Verpflichtungen, ich meine seine literarischen, zu erfüllen, die er etwas leichtfertig eingegangen ist.«
Hier unterbrach Eugenie ihren Vater. »Es ist nicht seine Schuld«, sagte sie mit blitzenden Augen, »sondern die der Herren Verleger, die ihn betteln und drängen, damit nur sein Name in ihren Taschenbüchern und Almanachen nicht fehlt.«

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