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Schloss Zockendorf


Schloss Zockendorf

Eine Mordsgeschichte
1. Auflage

von: Matthias Biskupek

6,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 20.07.2021
ISBN/EAN: 9783965214934
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 133

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

1. Tatort
2. Zuchthaus
3. Schweinestall
4. Menü
5. Leiche
6. Büroklammer
7. Wolfsweg
8. Chaiselongue
9. Kopie
10. Schweiß
11. Beichte
12. Hintergrund
13. Domino
14. Strategie
15. Kowallitschke
16. Bambus
17. Horden
18. Verpisst
19. Bruzzelkirschen
20. Abrechnungsscheck
21. Vanadiumkreuz
22. Rückstand
23. Fehlschaltung
24. Nietzsche
25. Täterhandling
26. Demontage
27. Überbringer
28. Zerspanungsfacharbeiter
29. Überdosis
30. Janine
1. Tatort
2. Zuchthaus
3. Schweinestall
4. Menü
5. Leiche
6. Büroklammer
7. Wolfsweg
8. Chaiselongue
9. Kopie
10. Schweiß
11. Beichte
12. Hintergrund
13. Domino
14. Strategie
15. Kowallitschke
16. Bambus
17. Horden
18. Verpisst
19. Bruzzelkirschen
20. Abrechnungsscheck
21. Vanadiumkreuz
22. Rückstand
23. Fehlschaltung
24. Nietzsche
25. Täterhandling
26. Demontage
27. Überbringer
28. Zerspanungsfacharbeiter
29. Überdosis
30. Janine
Matthias Biskupek war am 22. Oktober 1950 in Chemnitz geboren worden und wuchs mit zwei Brüdern und einer Schwester in der sächsischen Kleinstadt Mittweida auf. Sein Vater war Lehrer, seine Mutter war Angestellte. Nach Schulbesuch und Abitur mit gleichzeitiger Lehre als Maschinenbauer studierte Biskupek an der Technischen Hochschule Magdeburg technische Kybernetik und Prozessmesstechnik. Von 1973 bis 1976 war er als Systemanalytiker und zeitweise auch als Maschinenfahrer im Chemiefaserkombinat Schwarza bei Rudolstadt tätig. Nachdem er bereits während seiner Schul- und Studienzeit verschiedene literarische Zirkel besucht und mehrfach am Schweriner Poetenseminar teilgenommen hatte, in den achtziger Jahren auch als Seminarleiter, arbeitete er seit 1976 am Theater Rudolstadt, zunächst als Regieassistent, später als Dramaturg, zeitweilig auch als Bühnentechniker, Programmheftzeichner, Inspizient und Kleindarsteller. In den Jahren 1981/82 absolvierte er einen Sonderkurs am Leipziger Literaturinstitut. Seit 1983 lebte er freischaffend in Rudolstadt. 1993 war er Kreisschreiber in Neunkirchen/Saar. 1997 bekam er ein Aufenthaltsstipendium für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, 2000 das Casa-Baldi-Stipendium der Deutschen Akademie Rom in Olevano Romano. 2016 wurde Biskupek mit dem Walter-Bauer-Preis ausgezeichnet. Zu seinen vielfältigen literarischen Arbeiten gehörten Romane, Geschichten, Kabaretttexte, Feuilletons und Features für den Rundfunk sowie in den 1980er Jahren auch Treatments für die DEFA, die jedoch nie zu Filmen wurden. Von 1985 bis zu dessen Auflösung war er Mitglied des Schriftstellerverbandes der DDR, 1990 der letzte Vorsitzende des Bezirksverbandes Gera, 1992/93 VS-Vorsitzender in Thüringen.
Er ist am 11. April 1921 in Rudolstadt verstorben.
19. Bruzzelkirschen
Marieelse Klopf war ungehalten. Wäre nicht unser großer Respekt vor dieser unkonventionellen Hamburger Lyrikerin, deren Werke bereits in der populären Fernsehsuchsendung „Dichter, melde Dich!“ besprochen worden waren, fest verwurzelt, würden wir sagen: Marieelse Klopf war stinkesauer.
Sie hatte sich nur aus Liebe zu ihrem Gefährten Klonnhusen auf dramatisches Terrain gewagt. Sie hatte für die Stiftung KulturTest e.V unermüdlich gearbeitet. Sie hatte den für ein Liebhabertheater gedachten „Goldnen Kinder-Märchen-Kranz“ in einen „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ verwandelt.
Die Dialoge hatte sie mit Bedeutung aufgeladen.
Die freien Kadenzen hatte sie kunstvoll geplant.
Bühnenbild und Kostüme hatte sie in den stiftungseigenen Werkstätten herstellen lassen.
Sie hatte dafür gesorgt, dass ein ihr noch immer gewogener, gut aussehender Ex einen Fördervertrag der Stiftung KulturTest bekam. Der Fördervertrag ließ Mittel für das Offtheater des Ex fließen. Drei Bewegungskünstlerinnen und vier Sprechstimmen hatten monatelang geprobt. Jede Bühnenaktion saß. Jeder Ton war auf der Höhe der Zeit. Das spontane, gleichsam romantische Element im „Goldschneeklaren Kinder-Märchen-Kringelkreis“ aber sollten die Stipendiaten des Schlosses werden. Das traditionelle Verabredungstheater – vorgegebene Sätze und Stichworte, geprobte Auftritte und einstudierte Szenen – sollte von den urgesunden, plötzlichen Eingebungen eines Ensembles der Zockendorfer Künstler konterkariert, aufgebrochen, durchdrungen und schalkhaft durchmischt werden. Ein gewaltiger POETRY SLAM sollte zunächst Stipendiaten, später alle Gäste und Menschen auf Zockendorf ergreifen.
Marieelse hatte ein lebendig pulsierendes Kunstobjekt vor ihrem inneren Auge. Das war etwas überaus Großartiges.
Vor ihrem äußeren Auge sah sie etwas überaus Grässliches: Die Truppe ihres Ex und die plumpeste Zockendorfer Mischpoke im Wilhelmine-Salon. Man ließ sich von den Köchinnen Anni und Susi, den Raumpflegerinnen Frau Wirsinghaus und Claudia Sonneborn, sowie den Mitarbeiterinnen Hauptapfel bedienen. Alle Schlossangestellten hatten zur Feier des Tages die Tracht der wendischen Märker angezogen: schwarze Spitzenhäubchen, rote Strickblusen, golddurchwirkte, mit original ostdeutscher Speisestärke kräftig gesteifte Servierschürzchen. Die Sprechstimmen der Offtheater-Truppe, vier junge Männer mit sehr kurzgehaltenem Haupthaar, nackte, durchtrainierte und tätowierte Haut unter schmalen Stoffbahnen zeigend, zogen an den Schnürbändchen der Trachten und lachten zotig, wenn die gestärkten Kleidungsstücke zu Boden polterten.
Die alberne Stimmung lag möglicherweise an den zum Menü gereichten Getränken: Zippernicker Schlehenwein und klarer, erdgebundener Kornschnaps.
Vorher hatte es gebackene Wilhelmine-Taler, eine Speise aus Kartoffeln, Äpfeln und viel gutem, heißem Schweinefett gegeben. Dem schloss sich die Schlegel-Tiecksche Mangold-Dinkel-Suppe an, deren Zutaten streng geheim von einem Holsteinischen Biolekhof herangeschafft worden waren. Gefüllter Wirsing mit Bruzzelkirschen oder wahlweise Mischlingssalat und gebeizte Dorfschnecken stellten das Hauptgericht dar. Kaspar-Kringel, Gretel-Plunder und Clemens-Scheibletten rundeten vor dem Brombeermus auf Heidekrautparfait das Mahl ab.
Das gute Essen war als eine gute Grundlage für gute Stimmungsberichte führender Medien gedacht gewesen. Stiftung und Künstlerhaus sollten auf der öffentlichen Zustimmungsskala stracks nach oben marschieren. Klonnhusen hatte fast alles geplant.
Rammsauers Unfähigkeit zur Organisation und die Ziethenowsche Pflichtvergessenheit hatten fast alles verpatzt.
Nun saß die Ramoni, die nur als Ersatz gedacht war, falls Brunhilde Wagner unter Magenbeschwerden leiden sollte, an diesem historisch verbürgten Tisch. Sie thronte schwarzlockig neben dem kurzhaarigen Volontär des LAUSITZ-EXPRESS, neben Revierförster Dubrau, Dorfsheriff Dompf, seiner Tochter Janine und den Mimen des Offtheaters – allesamt Gäste, die nicht einmal auf der zweiten Notfall-Ersatzliste aufgeführt worden wären.
Wenigstens hatte Friderike von Hardenberg als Witwe des letzten Barons neben Senator Klonnhusen und seiner Lebensgefährtin noch einen Platz am Katzentisch gefunden.
Marieelse Klopf verging der letzte Appetit angesichts von Brustlätzen und Bauchfreiheit.
Währenddessen war Mirko Mitzke, tapfer fürbass einherschreitend, im Schlossareal eingetroffen. Er sah die kampierenden, marschierenden, sich tretenden und sich atzenden Menschenmassen. Er sah das Wilhelmine-Holz-Podest von Kindern belagert, die sich auf den dröhnenden Brettern an wendischen Tänzen erfreuten, sah die PVC-Figurationen, nonfigural geworden, sah die Reste einer noch am Vormittag stolz aufragenden Wasserorgel – und wurde von einer Gruppe von Medienvertretern bestürmt. Leider trug er nämlich das Schloss-Zockendorf-Logo an der Jacke, das ihn als Hausmitarbeiter outete: Wann und wo denn die Performances stattfänden? Wo die Ausstellung der so tragisch ums Leben gekommenen hochbegabten Schweizerin aufgebaut sei und wo das Gastmahl der Wilhelmine-Forscher zelebriert würde? Die Weltblatt-Korrespondentin sagte, sie sei nur wegen der Uraufführung der „Goldschneefarben“ von Marieelse Klopf gekommen. Der „Ostfriesische Kurier“ fragte nach den PVC-Figurationen – in Klammern Material PVC – des Professors Nastissen.
Zum Beweis hielt man Mitzke Einladungen vor die Nase, auf denen all jene Attraktionen vermerkt waren.
Mitzke setzte alles auf eine Karte und führte den gesamten Presse-Tross, ohne ihn auf erträgliches Maß zu kürzen, in den Wilhelmine-Salon. So gelangte auch der inzwischen eingetroffene Redaktionsstab des Ressorts „Lokale Groß-Delikte“ vom LAUSITZ-EXPRESS dort hinein.
Die Offtheater-Sprechstimmen hatten derweil mit den Clemens-Scheibletten ein Diskuswettweitwerfen begonnen. Immer wenn eine Scheibe an der historischen Tapete klebenblieb, gab es ein Jauchzkonzert. Die Bewegungskünstlerinnen hatten sich Dompf und Dubrau geschnappt und führten mit diesen die abgründigsten, schimpflichsten, verzerrtesten, körperhaltungsschädigendsten und unausdenkbarsten Bewegungen durch, die dieses Schloss je gesehen haben mochte. Marieelse Klopf schluchzte so herzzerreißend, wie es nur wahrhaft naturalistischen Theateraufführungen vergönnt sein mag. Senator Klonnhusen nämlich sprach überaus verständnisvoll, sehr leise und sehr friedfertig mit seiner wohlklingenden Stimme auf Janine Dompf, das Gänschen, ein. Diese schöne, warme Baritonstimme bildete quasi die Begleitung zu Renate Ramonis Koloratur-Ausführungen über ihre Kolumne „Miss Marple mittenmang der Mark“ im HauptStadtMagazin. Rammsauer stellte einen seiner Doktorentitel hinter sich und ließ sich stolz von beiden Seiten und zwei unbekannten jungen Damen anfassen. Wie mochten die hier Zutritt erlangt haben? Die märkisch-wendischen Trachten hatten längst die Besitzer gewechselt. Die Offtheater-Stimmen trugen sie in einem mitreißenden Staccato furioso maledetta quer durch den Salon. Frau Friderike von Hardenberg hatte ein Paar glänzender Augen im glänzenden Gesicht und dirigierte Anni, Susi und Frau Wirsinghaus sowie alle weiteren Angestellten, derer sie habhaft werden konnte, zu einer Chorusline. „Wie mit meinem letzten Baron!“, rief sie. „Das ist der Geist unserer Wilhelmine. Ein demokratisches Sozialexperiment!“
Die Medienvertreter notierten unablässig, blitzlichteten ab und richteten ihre Camcorder ungescheut mitten ins Geschehen.

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