Impressum

Hans-Ulrich Luedemann

Tödliches Alibi

Kriminalroman

ISBN 978-3-86394-855-9 (E-Book)

 

Die Druckausgabe erschien erstmals 1974 in der DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) beim Verlag Das Neue Berlin.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

 

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1. Kapitel

Der Volkswagen verlangsamte seine Fahrt. Ich blinkte links und fuhr vorsichtig über den Rasenstreifen auf die andere Fahrspur der Autobahn. Der Einsatzwagen mit den Technikern folgte dichtauf. Für einen Augenblick kam die Autokolonne ins Stocken. Bremsen quietschten. Zu dieser frühen Morgenstunde lag der Rastplatz verwaist da. Die Autobahn München-Garmisch hatte den ersten Ansturm am 28. August noch vor sich. Gemeinsam mit Kommissar Oskar Bauer und meinem Kollegen Sepp Staff lief ich die Schneise am Wald entlang. Dann standen wir an einem kleinen Wasser, das die Bezeichnung See kaum verdiente. An der beschriebenen Stelle schwamm der Ärmel eines Bademantels zwischen Schilfstoppeln. Bauer winkte einem der nachkommenden Beamten. Der Mann packte hüftlange Fischerstiefel aus und zog sie über. Neben uns bereitete der Fotograf seine Apparaturen vor.

„Zuerst ein paar Totalaufnahmen", sagte Bauer.

Der Fotograf verzog das Gesicht. Er hatte bereits das Teleobjektiv in der Hand. Anscheinend verspürte er keine Lust, nach dem Weitwinkel im Koffer zu kramen. „Bei Wiedner mache ich nur Details", warf er mäkelnd ein.

Der Kommissar fuhr herum. „Ich bin nicht Oberkommissar Wiedner. Merken Sie sich das!"

Ich stöhnte innerlich. Kaum hatte die Arbeit am Fall begonnen, gab es bereits Ärger, weil unsere Drei-Mann-Arbeitsgruppe auf Wiedners Techniker angewiesen war. Dabei hatte Bauer überhaupt keinen Grund zu irgendwelchen Minderwertigkeitskomplexen. Er galt als der Experte unter den hiesigen Schriftsachverständigen. Sein Name war ein Begriff.

Ohne Aufforderung waren die Trassologen am Rastplatz an ihre Arbeit gegangen. Der Polizist tastete sich zu der Stelle vor, wo das Schilf bereits abgeschnitten war. Den Hinweis auf die Leiche, die es zu bergen galt, verdankten wir einem Bewohner aus dem in der Nähe befindlichen Dorf. Der Mann hatte sich sofort von einem Auto bis zum Motel mitnehmen lassen, von wo aus er die Kripo alarmierte. Jetzt wartete er dort auf uns.

Kommissar Bauer nickte stumm, als der verschlammte Bademantel, von einem Stock angehoben, den Blick auf einen nackten weiblichen Körper freigab.

Der Chef öffnete den Hemdkragen. Dabei schaute er Staff und mich aus seinen mausgrauen Augen an.

Ich holte tief Luft. Das sah nach Arbeit aus. Viel Arbeit. Eine Tote im Bademantel, ohne irgendwelche Anhaltspunkte für die Identität sicherlich, bedeutete in den meisten Fällen nervenaufreibende Ermittlungen. Als die Leiche im Ufergras lag, begann Dr. Hanflinger mit der ersten Untersuchung. Wir standen abwartend daneben. Staff wandte sich ab und ließ sich einen Perfolbeutel geben, um den Bademantel einzupacken. Der Kriminalassistent war noch nicht lange in unserer Abteilung.

„Wie viel Tage liegt sie schon darin, Hanflinger?"

Der alte Mediziner schraubte sich ächzend hoch. Er nahm seinen Zwicker ab und putzte ihn ausgiebig. „Zwei bis drei Tage. Aber wie gesagt: Angaben ohne Gewähr." Er lächelte dabei, als wollte er sich für die Unsicherheit entschuldigen.

„Und die Todesursache?"

Dr. Hanflinger zuckte mit den Schultern. Er begann seine Instrumente sorgfältig in die Tasche zu sortieren. „Äußerliche Merkmale sind kaum festzustellen. So auf die kalte Tour, meine ich. Am Kehlkopf scheint mir was nicht zu stimmen. Aber wie gesagt", das Schloss der Hebammentasche schnappte laut, „heute Abend kriegen Sie es genau." Hanflinger drehte sich um und ging in Richtung Rastplatz davon.

Staff schloss sich ihm an. In seiner Rechten baumelte der durchsichtige Beutel mit dem schmutzigroten Bademantel. Bauer atmete tief aus. Er blickte noch einmal zum Schilf, kniff die Augen zusammen, weil das Wasser in der Sonne gleißte. Ich erschrak, als mit einem lauten Knall der Deckel des Zinksarges niederfiel. Missmutig sahen wir den Trägern nach.

„Zum Motel?", fragte ich den Kommissar.

Bauer hob das Gesicht direkt zur Sonne und seufzte: „Urlaub müsste man haben, Gorgas."

2. Kapitel

„Wenn ich die Herren hier entlang bitten darf?"

Wir nickten, zufrieden über die Hilfsbereitschaft des Motelbesitzers. Gransow hatte ohne Umschweife sein Büro zur Verfügung gestellt, damit wir uns ungestört mit dem Mann unterhalten konnten, der die Leiche entdeckt hatte. Der Dörfler wirkte zerfahren, als würde er noch immer unter dem Eindruck des Schreckens stehen. Aufgeregt stotternd, antwortete der Alte unsicher auf die Fragen des Kommissars. Staff saß am Schreibtisch und stenografierte. Nach wenigen Minuten wussten wir drei, dass sich dieser Abstecher kaum gelohnt hatte. Wesentliches war nicht zu erfahren. Woher auch? Für den Alten war die Frau genauso fremd gewesen wie für uns.

Draußen auf dem Flur wurde es plötzlich laut. Ich hörte, dass sich zwei Männer stritten. Oskar Bauer zog missbilligend die Augenbrauen zusammen und unterbrach sich. Er machte mit dem Kopf eine Bewegung zur Tür hin. Ich sprang auf, um nachzusehen.

Auf dem Flur stand der Inhaber des Motels und verwehrte augenscheinlich jemandem den Zugang zu seinem Büro. Gegen Gransows massige Gestalt nahm sich sein Gegenüber wie eine Hopfenstange aus.

„Ich muss Sie bitten, Herr Gransow, mich nicht an meiner Aussage zu hindern!", erregte sich der Dürre.

Gransow lächelte mir zu. „Entschuldigen Sie, aber ich wollte nicht, dass man Sie bei Ihrer Arbeit belästigt. Ein Gast meines Hauses ..."

„Hören Sie, Herr Kommissar", ein atemberaubender Alkoholdunst wallte mir entgegen, „ich muss Sie dringend sprechen. Es soll sich hier doch um Mord handeln, oder?" Ich trat auf den Flur hinaus, drückte die Tür von außen zu und stellte mich mit dem Rücken dagegen. Das fehlte noch, dass Bauer von einem Betrunkenen belästigt wird.

„Da ist doch bestimmt eine Belohnung ausgesetzt worden, Herr Kommissar?"

Der Chef des Hauses und ich grienten.

„Was wollen Sie überhaupt aussagen?"

„Ich wohne schon eine Woche in diesem Motel. Geschäftlich, wissen Sie. Verhandlungen habe ich hier. Ja, und als ich nach München reinfahren wollte, war mein Wagen weg, verstehen Sie."

„Wann war das?", unterbrach ich ihn. Mir wurde diese Schnapsfahne mittlerweile unangenehm.

„Vor fünf Tagen. Hier war nichts los, wissen Sie. Und da wollt' ich am Abend ..."

„Es wird besser sein, Herr Kommissar ..." Gransow stockte.

„Kriminalsekretär Gorgas."

„Es wird besser sein, Herr Kriminalsekretär", schaltete sich Gransow höflich ein, „wenn ich Ihnen erkläre, was dieser Herr aussagen möchte. Zumal die Angelegenheit mit dem verschwundenen Auto auch für mein Motel peinlich war."

„Nach zwei Stunden war es aber plötzlich wieder da!", rief der Angetrunkene erregt dazwischen.

Gransow fasste dem Gast beruhigend über den Arm. „Das stimmt. Durch ein Versehen meiner Leute ist der Wagen vom Parkplatz zum Service gefahren worden. Und Abschmieren, Waschen und so weiter dauern etwa zwei Stunden, Herr Gorgas."

Ich nickte Gransow zu. Also ein Wichtigtuer, wie ich ihn in hundert Varianten schon erlebt hatte. Auf meinen Wink hin nahm der Motelbesitzer den Langen an der Schulter und schob ihn vor sich her. Beide verschwanden gerade um die Flurecke, als die Bürotür geöffnet wurde und Staff den Alten aus dem Dorf verabschiedete. Das Angebot, ihn mit einem Wagen zum See zurückzufahren, lehnte der Mann ab. Ihm war die Lust am Schilfschneiden vergangen.

„Was war denn?", wollte Staff wissen.

Ich winkte ab. „Irgend so ein Blödmann. Erkundigt sich jetzt schon nach der Belohnung."

Oskar Bauer trat in den Türrahmen und sah dem Alten hinterher, der nach vorn gebeugt die Treppe abwärts stakste.

„Nichts", sagte er, aber in der Stimme klang keine Enttäuschung mit.

3. Kapitel

Auf dem Schreibtisch in unserem Zimmer 304 stand eine Tüte mit Orangen. Es war Frühstückszeit für Oskar Bauer. Der Chef holte aus seiner Hosentasche ein zierliches Klappmesser und schälte in aller Ruhe eine Apfelsine.

„Auf was die Ärzte heutzutage kommen! Wussten S' schon, Gorgas, dass Orangen den Blutdruck herunterholen?"

Weil er mich aus seinen etwas hervorstehenden Augen fragend ansah, zog ich bedauernd die Schultern hoch. Woher sollte ich davon eine Ahnung haben? Meine Polizeischule lag erst wenige Jahre zurück. Und wer sich dort mit einer Blutdruckschwankung gemeldet hätte, der wäre garantiert ausgemustert worden. Außerdem war ich mit meinen achtundzwanzig Jahren beinahe dreißig Lenze jünger als der Chef. Und die halbe Stunde Dauerlauf, die ich morgens vor der Haustür quasi am Isarufer absolvierte, war auch nicht ohne Kraft.

Bauer nickte jetzt Kriminalassistent Sepp Staff, dem dritten in unserem Bunde, aufmunternd zu.

„Na, Staff? Dann schießen Sie mal los. Wollen hören, was Ihre Hausiererei eingebracht hat."

Sepp Staff war zu dieser Zeit erst drei Monate im Morddezernat. Und bei seinem Dienstantritt war ihm sicher wie mir einstmals Bauers Wandspruch aufgefallen: Unmögliches wird sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger. Gezaubert wird morgen!

Ob diese Maxime auch für den Vorgesetzten unseres Chefs, Kriminaloberrat Paulig, galt, danach hatten weder Staff noch ich zu fragen gewagt.

Inzwischen löste Oskar Bauer die appetitlich aussehende Schale blütenkelchartig ab. Als er mit spitzen Fingern ein Taschentuch aus der Hose zog, sagte er: „Worauf warten S' denn noch, Staff? Schlafen S' im Sitzen, oder hab' ich mich unklar ausgedrückt?" Bauer kniff missbilligend die Augen zusammen, als er seinen Assistenten musterte, der mir schräg gegenüber an der Schreibmaschine saß und mit einem Protokoll beschäftigt war. „An das hier haben Sie sich doch mittlerweile gewöhnen können, hoffe ich", fuhr der Chef fort und hielt seine Saft tropfenden Finger in die Höhe.

Staff erhob sich, angelte sich in einer Gemütsruhe, wie sie wohl nur Bayern haben, den Stuhl vor Bauers Schreibtisch, um seine einhundertsiebzig Pfund Lebendgewicht abzusetzen. Sepp Staff war gut trainiert, trotzdem wirkte er leicht rundlich. Er hatte einen feuerroten Haarschopf, der einen Iren vor Neid erblassen lassen könnte, darunter ein rosiges, etwas sommersprossiges Gesicht. Die Kollegen von der zweiten Abteilung, die Oberkommissar Wiedner leitete, hatten eines Morgens an unserer Tür eine große Zeichnung befestigt: Sepp Staff in einer fersenlangen Kutte, die vor dem Bauch durch zwei Handschellen zusammengehalten wurde. Darunter stand Sankt Seppus. Es lag nur an Staffs penetranter Unpünktlichkeit, dass er diese Karikatur nicht zu Gesicht bekommen hatte.

Der Vollständigkeit halber muss ich hinzufügen, dass Sepp Staffs Vater eine Pfarre in Drapfingen hat. Ich könnte mir denken, dass dies nicht unwesentlich für den Nachkommen des Herrn Pfarrer war. Ob allerdings den Spaßmachern dieser Zusammenhang bekannt war, weiß ich nicht.

„Es gibt da nicht viel zu sagen", bequemte sich Staff endlich. „Ich habe die vorliegenden sieben Vermisstenanzeigen überprüft. Aber ohne Erfolg. Das Foto ist eine missratene Arbeit. Danach kann niemand die Tote identifizieren." Er deutete eine abwertende Geste in Richtung Tür an. Dort, hinter der Tür, nur ein paar Schritte über den Flur, war Oberkommissar Wiedners Abteilung untergebracht.

Ich hatte bei Staffs Worten ein ungutes Gefühl, denn sie waren Wasser auf Bauers Mühle, der uns als eine Art Unterabteilung von Wiedner betrachtete. Und der Chef war impulsiv genug, seine Ansichten laut und vernehmlich kundzutun.

„Was die Aufnahmen anbelangt", erklärte Bauer, „die kommen auf das Konto von Wiedners Fotohandwerker. Aber abgesehen davon, Staff, gibt es also nichts Neues." Der Chef legte nach diesen Worten eine Pause ein. Gelegenheit für mich, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Und ich gab mir keine Mühe, meine Ironie zu verbergen.

„Du musst endlich davon abgehen, Staff, alles umsonst zu nennen, was deine Vermutungen nicht bestätigt. Immerhin weißt du jetzt, dass diese sieben vermissten Frauen mit der Ermordeten nicht identisch sind. Das ist doch etwas!"

Staff reagierte nicht. Aber ich wusste, dass er trotz seiner an den Tag gelegten Lahmheit über jeden Misserfolg sauer war. Darum waren meine Worte ein fauler Trost. Der Chef fuhr fort:

„Liegen Sie mal drei Tage im sumpfigen Wasser, Staff. Selbst Ihre werten Eltern würden Sie nicht mehr mit Sicherheit identifizieren können." Das letzte Apfelsinenscheibchen wanderte mit einem kühnen Schwung in den offenen Mund. Für kurze Zeit waren Bauers regelmäßigen, leicht gelblichen Zähne sichtbar.

„Das ist gewisslich wahr und ein teuer Wort", reagierte Sepp Staff ungerührt mit todernstem Gesicht.

Dass Oskar Bauer nicht sonderlich aufmerkte, bedeutete nur, dass er sich mit diesen stilistischen Feinheiten seines jüngsten Mitarbeiters abgefunden hatte. „Bevor Staff vernünftig weiterredet, öffnen Sie mal das Fenster, Gorgas. Der Mief, der in diesem Kasten herrscht, schlägt mir auf die Bronchien. Ich kann euch jungen Kerlen sagen, das ist eine der heimtückischsten Kriegsverletzungen, von denen einer befallen werden kann. Zwei Jahre in den Sümpfen Weißrusslands, weiß ja keiner, was das heißt." Ein trockener Husten stoppte den Redefluss. „Aber Rente zahlen sie nur bei fehlenden Gliedmassen. Oder bei Gedächtnisschwäche.“

Ich stand abwartend am geöffneten Fenster. Vom Innenhof drang das energische Hupen eines eiligen Autofahrers herauf.

Staff nahm den Gesprächsfaden wieder auf. „Ich wäre für einen öffentlichen Aufruf. In der Presse beispielsweise", konkretisierte er seinen Vorschlag. „Die Zeitungen rufen schon an. Sie wollen Einzelheiten bringen."

„Die riechen eine Serie, die Geld bringt", erwiderte ich lakonisch.

„Passiert ja auch nicht alle Tage, dass aus einem Tümpel an der Autobahn eine nackte weibliche Leiche gefischt wird", sagte der Chef. „Schwanger im dritten Monat! Aber von wegen Presse! Arbeiten wir gut, dann sind die Tintenkleckser arbeitslos. Im anderen Fall aber, wenn es um ungelegte Eier geht, da verdienen sie durch ihre Phantasie." Nach einer kurzen Pause setzte er stöhnend hinzu: „Aber meinetwegen. Veranlassen Sie das, Gorgas."

Das Summen unserer Haussprechanlage ließ Bauer aufschrecken. „Wann kann man schon einmal in Ruhe arbeiten", murrte er, langte nach dem Hörer und klemmte ihn mit hochgezogener Schulter an die linke Ohrmuschel. „Hier Bauer!", schnarrte er, und sein Kugelschreiber tanzte irre Linien auf dem karierten Notizblock. Mit einem schiefen Blick musterte er dabei Sepp Staff. Der tat, als sei er müde und gegen jede eventuelle Überraschung gefeit. Gelangweilt schaute er auf seine Fingernägel. In diesem Augenblick kam Leben in den Chef. Seine magere Figur straffte sich. „Ob ich wen mal sprechen will?" Oskar Bauer hielt die Sprechmuschel zu und verkündete mit einem Seitenblick zu Staff: „Wieder eine Vermisstenmeldung. Taufrisch."

Staffs Hände verschwanden tief in den Sakko. Sein Gesichtsausdruck ließ den Gedanken ahnen, dass der Alte sich einmal selbst um solchen Kram kümmern möchte.

Bauer sprach unterdessen weiter. „Wie alt?"

Die Antwort ließ wohl etwas lange auf sich warten. Gereizt trommelte der Chef mit den Fingerkuppen auf der Schreibtischunterlage.

„Lassen Sie man", resignierte er. „Schicken Sie das Fräulein in die Dreihundertvier. Danke." Etwas heftig fiel der Hörer auf die Gabel zurück.

Der Kommissar stand auf und knöpfte sich ohne Eile das sandfarbene Jackett zu. Dann sagte er, sich am Schreibtisch reckend: „Einen guten Kriminalisten darf der Zufall nie verlassen, Jungs."

„Eine neue Vermisstenmeldung also." Staff sah Arbeit auf sich zukommen, bei der mit Sicherheit keine Lorbeeren zu verdienen waren.

„Ja", erwiderte Bauer, „wir können wieder hoffen. Nach den sieben Versagern."

Sepp Staff hielt seine Augen auf den Chef gerichtet und zeigte keinerlei Reaktion. Wahrscheinlich hatte Bauer seinen Assistenten auch gar nicht damit gemeint. Aber so genau wussten wir das manchmal nicht bei unserem Vorgesetzten. Staff erhob sich von dem Stuhl vor Bauers Schreibtisch. Wie ein Spaziergänger, dem die Beine während der Rast eingeschlafen sind, stakste er an mir vorbei zum „Gefechtsstand". So nannten wir diese Ecke, in der außer Schreibmaschinentisch und Kleiderständer nichts mehr Platz fand.

Bauer eröffnete uns: „Wir bekommen Besuch von einem Fräulein. Reißt gefälligst eure müden Knochen zusammen, Jungs!"

Es klopfte zaghaft, und gleich darauf erschien das Fräulein in der geöffneten Tür. Sepp Staff sprang sofort hoch und bot zuvorkommend einen Stuhl an. Alles geschah leise und mit großer Behutsamkeit. Auch als Bauer sich und uns vorstellte, sprach er mit leiser und zurückhaltender Stimme. Die Besucherin ließ sich Atem schöpfend nieder. Wir warteten geduldig, während die alte Dame mit einem schneeweißen Tüchlein Nase und Wangen abtupfte. Ich gab mir Mühe, ihr Alter zu schätzen und versuchte es auf fünfundsechzig festzulegen.

Bauer fragte nach den Angaben, die sie machen wollte. Ein erstauntes Hochziehen der leicht nachgezogenen Augenbrauen deutete Missfallen an.

„Ich bitte Sie, Herr Kommissar. Dem jungen Beamten vorhin - ich habe ihm alles erzählt. Ich verstehe nicht recht, meine Herren ..."

Bauer setzte ein verbindliches Lächeln auf und kam auf ihr Anliegen zurück.

„Sie kommen doch wegen einer Vermisstenmeldung, Fräulein ... ?" Er machte eine Kunstpause, um endlich den Namen der Besucherin zu erfahren.

Die alte Dame setzte ein schelmisches Lächeln auf. Mit einem leichten Kopfnicken sagte sie: „Verzeihung, meine Herren. Lange ist mein Name, Adelheid Lange. Mein Gatte war Oberrevisor bei der Bundesbahn. Gott hab ihn selig."

Bestimmt hatte die Anmeldung wieder einmal etwas verwechselt. Oder Bauer hatte sich verhört. Sicherlich war die vermisste Person ein Fräulein. Bauer überspielte dieses kleine Missverständnis. „Wenn ich meinen Kollegen vorhin richtig verstanden habe, gnädige Frau", fuhr er vorsichtig fort, „dann haben Sie uns aufgesucht, weil Sie beunruhigt sind über das zu lange Ausbleiben Ihrer Untermieterin? Ist das so?" Mit einem freundlichen Kopfnicken forderte Oskar Bauer die alte Dame auf, uns mehr zu erzählen.

„Meine Untermieterin heißt Katja Krausner, Herr Kommissar." Vor Aufregung klirrte ihre Stimme etwas. Staff hatte die Beine lang unter den Schreibmaschinentisch gestreckt, die Schuhsohlen standen hoch gegen das einfallende Licht vom Fenster.

Ich fühlte Mitleid hochkommen. Die letzten erfolglosen Ermittlungen reichten ihm. Alle sieben Vermisstenmeldungen hatten sich als Windeier entpuppt. Keine Spur, nicht einmal der kleinste Hinweis auf unseren Fall. Und was Frau Lange gerade berichtete, hatte Staff, mit sieben kleinen Abwandlungen, wohl oft genug gehört. Dieses Fräulein Krausner hatte also Urlaub genommen, war mit einer Bekannten weggefahren. Wohin, hatte sie ihrer Wirtin nicht gesagt. Vierzehn Tage wollte sie wegbleiben. Und nun waren drei Wochen vergangen, ohne dass Frau Lange ein Lebenszeichen erhalten hatte. Außerdem fragte die Firma bereits brieflich an, ob die Angestellte Krausner krank wäre. Würde binnen drei Tagen keine Stellungnahme eintreffen, sähe sich der Arbeitgeber genötigt, Konsequenzen aus dem Verhalten zu ziehen. Frau Lange hatte daraus geschlossen, dass der Urlaub ihrer Untermieterin bereits überzogen war. Sie überreichte dem Kommissar den Brief einer Versicherungsanstalt.

„Hoffentlich ist nicht etwas Schlimmes passiert mit dem Mädchen."

Ich schaltete ab. Wieder das Übliche. Der Chef machte auch nicht den Eindruck, als würde ihn diese Angelegenheit sehr interessieren. Er legte den Brief zur Seite und griff sich einen Bleistift aus der Schale mit den Schreibutensilien. Oskar Bauer fing an, auf dem Kalendarium Kreise zu malen.

Ohne seine Spielerei zu unterbrechen, fragte er: „Es ist doch nicht ausgeschlossen, gnädige Frau, dass Ihre Untermieterin die Bekanntschaft eines netten Mannes gemacht hat und einfach länger als vorgesehen wegbleibt, nicht wahr? Sie wissen ja, die jungen Leute heutzutage."

„Aber ihr Arbeitsplatz, Herr Kommissar", gab Frau Lange zu bedenken.

„Kennen Sie diese Freundin, mit der Fräulein Krausner verreist ist?"

„Leider nicht. Ich wäre sonst als erstes dort gewesen und hätte mich selbstverständlich erkundigt, Herr Kommissar."

Der Chef lächelte verbindlich. „Vielleicht kommt sie als verheiratete Frau zurück, so etwas soll es doch geben? Und dann pfeift sie auf die Arbeit im Büro dieser Versicherungsanstalt, gnädige Frau." Bauer versuchte einen Scherz anzubringen.

Aber die Witwe war hartnäckig. Seit drei Jahren wohne Fräulein Krausner bei ihr, und es sei ein anständiges Mädchen.

„Glauben Sie mir, Herr Kommissar, zumindest hätte ich eine telegrafische Nachricht erhalten. Sie steht doch ohne jeden Menschen da. Wenn jetzt etwas passiert ist?" Frau Lange schluchzte in das Spitzentüchlein.

Ich sah, dass Bauer überlegte. Warum eigentlich, dachte ich. Soll er der alten Dame doch die Fotos zeigen! Da erhob sich Staff und kam zum Schreibtisch. Und dass gerade er auf das Einfachste, auf die schnellste Methode stieß, wurmte mich, ehrlich gesagt, ein wenig. Hier zahlte sich wohl aus, dass er siebenmal das gleiche hatte exerzieren müssen. Staff befragte in harmlosem Tonfall Frau Lange nach dem Aussehen von Katja Krausners Bademantel. Zunächst war nur ein erstauntes Stirnrunzeln die Antwort. Aber die alte Dame versuchte sich zu erinnern.

Kommissar Bauer hatte bei Staffs Frage überrascht aufgehorcht. Er bohrte weiter. „War er vielleicht rot, Frau Lange? Denken Sie bitte in aller Ruhe nach. Nehmen Sie sich Zeit."

Bauer lehnte sich wieder in den Schreibtischsessel zurück. Ich verkniff mir ein Grienen, weil ich wusste, wie wütend der Chef werden konnte, wenn Staff oder ich bei Vernehmungen Suggestivfragen stellte. Aber bei einem Vorgesetzten verhielten sich die Dinge anscheinend anders.

„Ja, er war noch ziemlich neu. Katja hatte ihn extra für den Urlaub gekauft." Eine dunkle Vorahnung schwang in ihren Worten mit. Frau Lange sah ratlos von Staff zu mir und dann zu Bauer.

„Staff!" Der Kommissar deutete mit dem Kopf zur Tür. Als hätte ein erquickender Schlaf ihn wieder in Form gebracht, verschwand mein Kollege mit elastischen Schritten, um aus dem Flurwandschrank den sichergestellten Bademantel zu holen. Unbewusst rieb ich mir die Hände, beherrschte mich aber sofort, als ich Bauers missbilligenden Blick spürte. Trotzdem, mir wurde warm.

Der Kommissar zog seine Schreibtischschublade auf und brachte einen gelben Umschlag zum Vorschein. In diesem Kuvert befanden sich die Aufnahmen von der bis zu diesem Augenblick unbekannten weiblichen Leiche aus dem Sumpfsee. Etwas überrascht konstatierte ich, wie behutsam unser Chef auf den Gemütszustand der alten Dame einging. Denn Oskar Bauer genoss den zweifelhaften Ruf eines Raubeines. Auch, was seine Umgangsformen den Kollegen gegenüber anbelangte. Eine solche zarte Seite an ihm war mir neu.

Sepp Staff kehrte ins Zimmer zurück. Er holte den Bademantel, der nach eingehender Untersuchung gereinigt worden war, aus der Perfoltüte und legte ihn behutsam auf die Schreibtischplatte.

Und die alte Dame nickte nur stumm mit dem Kopf, ohne dass jemand von uns etwas gefragt hatte.

„Frau Lange, Sie werden jetzt einige Fotos sehen. Ich bitte Sie, erschrecken Sie nicht." Bauer schob die Aufnahmen über den Schreibtisch.

Adelheid Lange zog mit zittrigen Händen ihre Goldrandbrille aus einem gelbledernen Futteral. Dann schaute sie kurz, aber genau hin. Ich stieß mich vom Fenster ab und trat vorsorglich näher. Ich ahnte, was jetzt kommen würde. Die Fotos fielen auf den Schreibtisch zurück. Frau Lange sank vor Entsetzen in sich zusammen.

„Jessas!"

Unter dieser starken seelischen Belastung hatte sich ihr Habitus sehr verändert. Jetzt sah ich, dass sie die Siebzig überschritten hatte.

„Wenn ich das gewusst hätte, meine Herren", schluchzte sie. Ihre Tränen hinterließen eine Spur im Make-up. Wir versuchten von ihr noch einige Angaben über das Mädchen zu erhalten, aber der Kommissar musste das Gespräch beenden. Die alte Dame war jetzt in einer Verfassung, in der es zwecklos ist, weitere Fragen zu stellen. Staff erbot sich, Frau Lange bis zum Ausgang des Präsidiums zu begleiten. Nachdem beide das Zimmer verlassen hatten, atmeten wir auf. Endlich der Anhaltspunkt, der uns das Aufspulen dieses Falles ermöglichen könnte.

Bauer ordnete an, dass ich am nächsten Tag bei Frau Lange in der Landsberger Straße die weitere Vernehmung durchführen sollte. Einen Durchsuchungsbeschluss für das Zimmer der Ermordeten würde der Chef bis dahin veranlassen. Und damit ich mir auf diesen Vertrauensbeweis, denn um einen solchen handelte es sich wohl, nicht all zuviel einbildete, bat der Kommissar sich mit barscher Stimme ein ausführliches Protokoll darüber aus.

4. Kapitel

Am frühen Morgen hatte ich einen Anruf erhalten, der mich bewog, den Besuch bei Frau Lange um einige Stunden hinauszuschieben. Gut ausgeruht saß ich hinter dem Steuer unseres blauen Dienstwagens. Das Tachometer pendelte bei einhundertfünfundzwanzig Stundenkilometern. Die Autobahn nach Garmisch war noch nicht sehr belebt.

„Fahren Sie rücksichtsvoll, Kriminalsekretär Gorgas!" Sepp Staff beugte sich vom Rücksitz weit vor über meine Schulter, um einen Blick auf die Armaturen zu werfen. Er ließ sich wieder zurückfallen. „Ein Strafmandat wegen Raserei gefällig? Das Schild vorhin — Tempo 80!" Ich konnte Staff im Rückspiegel beobachten. Er grinste.

„Dem würde ich was erzählen." Ich rekelte mich angriffslustig im Sitzpolster. „Dem würde ich was, Staff. Wir sind doch im Dienst."

Ein Kaffeetransporter nahm mir die Sicht beim Überholen. Ich hantierte kurz an der Knüppelschaltung und tippte das Gaspedal an. Der „Käfer" schoss wie ein Pfeil vorwärts, blieb einige Sekunden gleichauf mit dem überlangen weißen Brummer.

Staff schaute nach hinten. „Was mag in diesen langen Kasten wohl hineingehen? Das reicht sicher für dreißig Herzinfarkte."

„Ich trinke wenig Kaffee", sagte ich trocken und drehte mich halb zu meinem Mitfahrer um. „Sag etwas zum Fall Krausner." Als Staff keine Anstalten machte, auf meine Aufforderung zu reagieren, fügte ich hinzu: „Streng dich an. Du sollst von der Münchner Kripo nicht sagen können, dass sie dem Nachwuchs keine Chance gibt."

Sepp Staff gab seufzend seine Beobachtungen durch das Heckfenster auf. „Wohl dem Menschen, in dessen Geist kein Falsch ist, Gorgas."

Ich konzentrierte mich auf die graue Asphaltspur und schüttelte innerlich den Kopf. Womit haben andere Leute den Geist dieses hoffnungsvollen Kriminalbeamten nur belastet! Da legte Staff als Neunzehnjähriger eine glänzende Matura am Gymnasium ab, wenn auch im altsprachlichen Zweig. Aber das soll ja selbst im Zeitalter der Computer nicht ohne Nutzen sein. Und der gewiss kluge Vater schickte den fünften Spross der Familie zum Theologiestudium an die Ludwig-Maximilian-Universität. Drei Jahre besuchte Sepp in der Landeshauptstadt Vorlesungen und Seminare über das Alte und Neue Testament, paukte Hebräisch und Jiddisch; dann hatte er es satt. Sein Vater übrigens auch. Um existieren zu können, wurde Staff Gehilfe eines Militärseelsorgers der Bundeswehr. Aber aus einem mir nicht bekannten Grund verzichtete Sepp Staff schon frühzeitig auf die gesicherte Altersversorgung eines Militärseelsorgers. Und so gelangte er mit den besten Empfehlungen auf die Polizeischule, von dort geradewegs zu uns, zu Kriminalkommissar Oskar Bauer und mir. Staffs Vorgänger war gefeuert worden, weil er bei Tatortbesichtigungen lange Finger gemacht hatte. „Bist du hinten eingepennt?"

Staff schreckte zusammen. Dann legte er die Stirn in Falten. Sein Zeigefinger fuhr über den Nasenrücken. „Katja Krausner wurde durch einen kräftigen Schlag auf den Kehlkopf getötet."

Ich weiß nicht, ob es Absicht war; seine monotone Stimme war gerade so laut, dass ich sie mit Mühe im Motorengebrumm hören konnte.

„Die Obduktion ergab weiterhin, dass die Leiche zwei bis drei Tage den Einwirkungen der Natur ausgesetzt war. Außerdem wurde Schwangerschaft im dritten Monat festgestellt. Kurz und gut - der Mord kann in der Nacht vom dreiundzwanzigsten zum vierundzwanzigsten August geschehen sein." Staff hielt inne. „Ein denkwürdiges Datum übrigens", sagte er.

„Wieso?"

„In der Nacht zum vierundzwanzigsten August fünfzehnhundertzweiundsiebzig wurden anlässlich der Hochzeit des Heinrich von Navarra mit Margarete von Valois Tausende Hugenotten ermordet. Diese Hochzeit ist in die Geschichte als sogenannte ‚Pariser Bluthochzeit' eingegangen. Und weil der Bartholomäustag auf den vierundzwanzigsten August fällt, nennt man dieses Ereignis auch .Bartholomäusnacht'. Nach dem Tag des heiligen Bartholomäus. Bartholomäus heißt nämlich ,Sohn des Streitbaren' ..."

„Soso", unterbrach ich Staffs Privatvorlesung. Ich fand alles zwar sehr interessant, aber nicht zum Fall Krausner gehörig.

„Das Mädchen soll sehr solide gelebt haben."

„Was heißt bei dir solide?"

„Keine Männerbesuche, regelmäßig ins Theater oder in die Bayrische Staatsoper gehen. Ein unauffälliges Leben führen, vielleicht im Gegensatz zu den meisten Mädchen in ihrem Alter." Staff wirkte jetzt konzentriert, ganz im Widerspruch zu seiner etwas monotonen Redeweise, Rudiment der Studien vergangener Jahre.

Ich setzte seine Gedanken fort. „Der Spurensicherungsdienst hat Reifenabdrücke sichergestellt. Ich verwende bewusst den Plural, Staff. Von einem Opel-Kapitän, Baujahr dreiundsechzig, und einem Ford-Roadster, Baujahr neunzehnhundertachtunddreißig. Ein ganz veralteter Typ. Was könnte man aus dem Gesagten schließen?", dozierte ich.

Staff ging nicht auf meine Frage ein. Er spann einfach seinen Faden weiter. „Die Sache könnte folgendermaßen abgelaufen sein: Katja Krausner lernt im Urlaub einen Mann kennen. Es kommt zu einem intimen Verhältnis ..."

„Stopp", unterbrach ich sofort, „sie war doch bereits schwanger. Ich tippe eher auf Urlaub mit Liebhaber. Alles musste Frau Lange auch nicht erfahren. Ich werde sie heute Nachmittag noch einmal danach fragen." In diesem Augenblick passierten wir eine bunte Reklame für das Motel Bavaria. „Fünf Kilometer noch", sagte ich.

Staff rekelte sich. „Hoffentlich kann der Mann uns wirklich helfen."

Hoffentlich, dachte ich im Stillen. Oder erwies sich das Ganze als Wichtigtuerei wie bei dieser alkoholisierten Spargelstange? „Wir werden ja sehen", sprach ich mir Mut zu.

Bavaria