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Impressum

Johannes Helm

Malgründe

ISBN 978-3-86394-962-4 (E-Book)

 

Die Druckausgabe erschien erstmals 1978 beim Aufbau-Verlag Berlin und Weimar.

 

Bilder: Johannes Helm

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta unter Verwendung des Bildes "Der rote Hut", 1972.

 

© 2013 EDITION digital®

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Tel.: 03860-505 788

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Vorwort

Wenn ein erwachsener Mann, mit siebzehn Jahren Soldat gewesen, bis zum Zwanzigsten Kriegsgefangener, dann ABF- und Psychologiestudent, Assistent an der Uni, Dozent für psychologische Therapie, drei große Kinder, den sogenannten Platz im Leben gefunden haben könnte, den gewundenen Weg hinter sich, den geraden Weg vor sich, wenn dieser Mann mit vierundvierzig Jahren zu Weihnachten seiner Freundin sein erstes kleines Ölbild malt, ein Nachtbild, einen Park am Fluss, eine einsame Spaziergängerin, fast nicht von dieser Welt, im Fluss ein Kahn mit Leuten und Lampions, wenn er es malt mit den fast vertrockneten Farben aus den Tuben des bewunderten alten Malers, der noch nicht lange tot ist, wenn er nach diesem Bild weiter malt, nun mit eigenen Farben, nicht mehr auf Pappe, sondern auf Leinwand, auf Holz, wenn er abends und am Sonntag und im Urlaub an seinen Tisch geht, seine Brille aufsetzt, Terpentin in eine kleine Porzellanschüssel gießt, der Malgeruch sich im Zimmer ausbreitet, wenn er seine Kindheitslandschaft malt, ruhige Bilder, zwischen seinen Vorlesungen und den Nachrichten von Plänen und Staatsbesuchen und Unglücksfällen, wenn er immer wieder zu malen aufhört und als richtig erwachsener Mann arbeitet, dann wieder leise malt, wenn er, inzwischen fünfzig, auch anfängt zu schreiben, ebenso stille, nachdenkliche Geschichten über seine Malgründe, dann entsteht ein Buch, das uns Hoffnung macht: Eigentlich könnte jeder von uns täglich neu anfangen.

Helga Schubert

Bilder und Geschichten

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1974 Späte Ankunft Öl/Glas 9 cm x 14 cm

Aus den Bildern möchte ich gern ein Buch machen, ein paar Gedanken dazu hätte ich schon. Man berät ein wenig und gibt grünes Licht. Aber wofür? Wir machen keine Bücher zum Ansehen, wir machen sie zum Lesen. Also brauchen wir mehr Texte, vielleicht drei Dutzend Geschichten. So liegen die Dinge; worauf lasse ich mich ein?

Geschichten sind etwas anderes als Bilder, obwohl Bilder Geschichten erzählen können und Geschichten manchmal so sinnlich wie Bilder wirken. Doch die geringere Anschaulichkeit der Sprache bringt Vor- und Nachteile mit sich. Vorteile, weil sie hinter das Bild und über den Rahmen hinausgehen kann. Nachteile, weil sie nicht so leibhaftig und unmittelbar in uns dringt wie ein Bild, Zeichen ist. Aber gemeinsam bleibt ihnen manches: Sie erweitern unsere Erfahrungen, sie machen uns Bekanntes neu und uns mit uns selbst bekannter.

Nun soll ich aber über Bilder erzählen oder über das Malen und Ansehen von Bildern. Das ist fast so, als wenn man Geschichten schreibt übers Geschichtenschreiben. Mit Bildern Geschichten illustrieren, das kennen wir alle. Aber mit Geschichten den Sinn für Bilder schärfen? Was haben wir da für Möglichkeiten?

Es gibt Fotovermerke. Jemand lässt sich durch eine Fotografie anregen, spinnt den Faden weiter, deutet aus und fabuliert drauflos. Er macht im Nachhinein das Foto zur Illustration seiner Geschichte.

In unseren Kunstbänden werden die Bilder historisch, ökonomisch, gesellschaftlich und stilgeschichtlich analysiert, Anliegen und Absichten herausgearbeitet, Mittel, Techniken und Werkzeuge beschrieben - es wird Wissenschaft betrieben. Das wäre ein unangemessenes Ziel, besonders bei den eigenen Bildern. Aber ein bisschen über Absichten und Mittel erzählen, dem Bild etwas hinzufügen, das ginge schon.

In manchen Kunstdrucksammlungen erhalten die Bilder ausdeutelnde Kommentare. Sie sollen erklären oder, besser, übersetzen, was zu sehen ist. Man möchte uns den Inhalt auslegen, aber es ist eher ein Hineinlegen. Und die Hereingelegten sind wir. Da wird zum Beispiel gesagt, ein Porträt sei mit innerer Ruhe erfüllt, die uns zugleich ein schweres und arbeitsames Leben andeute, und darauf weise auch der vom Maler gewählte graurote Hintergrund. Sternen- und Traumdeuter.

Andere verfassen Beschreibungen zu Bildern. Da wird nicht gerätselt, sondern einfach abgeschildert, fast so, als wären wir alle blind, könnten unseren eigenen Augen weniger trauen als fremden. Da wird berichtet, dass eine rote Sonne rot ist und eine gelbe Sonnenblume wie eine gelbe Sonnenblume aussieht und dass ein Pferd vor einem Wagen den Wagen zieht. Eigenartig, manche meinen, sie brauchen das zum richtigen Sehen.

Es gibt auch Texte, die sind wie Scheibenwischer für unsere Augen. Sie machen uns auf Bedeutungen aufmerksam, auch auf solche, die wir übersehen haben, oder sie bringen ein Bild in einen einsichtigen neuen Zusammenhang. Das schärft und erweitert den Blick, wir loten ein Bild besser aus. Sehen mehr, weil wir mehr verstehen. Von dieser Art zum Beispiel ist Gerhard Wolfs Buch „Wie ein Leben gemalt wird": Er bringt uns die Bilder von Albert Ebert nahe, weil er vom Leben des Malers erzählt, von seinen Ansichten und davon, wie er seine Bilder malt.

Vielleicht gibt es noch mehr Varianten, Geschichten zu schreiben, die nicht für sich selbst stehen, sondern zum Bild passen, es ergänzen, sichtbarer machen. Ich möchte mich nicht festlegen, hier deuten, dort beschreiben, die Anliegen und Anlässe nicht ganz beiseitelassen, auch die Technik nicht und nicht den Rahmen und das Bilderbetrachten und die Betrachter und bestimmt nicht das Malen mit seinen abenteuerlichen Erfahrungen.

Auf keinen Fall aber schreibe ich noch einmal eine Geschichte über Geschichten über Bilder, wie diese hier.

Abends am Wasser

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1971 Abends am Wasser Öl/Karton 25 cm x 30,5 cm

Auch damit hat es angefangen. Was schenke ich ihr zu Weihnachten? Irgendwo waren alte Ölfarben, Pinsel, allerlei Flaschen und Rahmen lagen umher.

Einfach mal so probieren. Wenn es was wird, soll sie es haben, wird es nichts, soll sie es auch haben. Was heißt schon: Wenn es was wird?

Wie macht man das? Eigentlich braucht man Leinwand - Papier tut es auch. Also los. Was soll drauf? Wonach mag sie sich sehnen, was würde sie sich jetzt wünschen? Es ist kalter Winter - also möchte sie Wärme, Sommer, ja ein Sommerbild. Wasser muss da sein, vielleicht ein Fluss, ein warmer Abend. Es ist spät und dunkel, da müssten Lichter im Fluss spiegeln.

Ölfarben riechen gut, überhaupt das ganze Zeug riecht gut. Farbe ausdrücken, auftragen, Pinsel wäscht man in Terpentin aus, damit kann man auch die Farbe verdünnen und die alte, schon eingetrocknete, aufweichen.

Langsam entsteht etwas, recht mühsam. Man muss sich Zeit nehmen, bloß nicht zügig und elegant pinseln wollen. Lieber in jede Stelle und Ecke, in jedes Licht und jedes Ding ganz hineinkriechen. Da kann man was erleben, da kann man drin spazierengehen, wo noch keiner gegangen ist; da gibt es was zu sehen, was es noch nie gab. Ich kann mit dem Kahn rüberrudern und mich an den rechten Tisch links von der Tür setzen, den es gar nicht gibt. Ich kann „Guten Abend" sagen und „Einen netten Hund haben Sie" und alles mögliche noch.

Aber das ist längst nicht alles. Gehe ich jetzt mal abends ans Wasser, dann sehe ich vieles anders. Nicht nur, weil ich mehr auf dieses oder jenes achte, nein, ich sehe anders, wirklich. Um die Uferlampen spielen ein Dutzend Grün. Schatten sind voller Farbe, ja Farben gehören überhaupt nicht zu den Dingen, verändern sich dauernd. Sehen ist etwas, das du lernen und hüten musst.

Wie weit sind wir nun? Woher weiß man, ob ein Bild fertig ist? Darüber kann man nachlesen: Es muss rund, fest und ausgewogen sein, es darf nicht kippen, muss komponiert sein, man darf es nicht teilen oder nicht auf den Kopf stellen können, es darf nicht ausgeschnitten wirken und was es alles noch nicht sein darf, aber sein muss. Woher will man das alles nur wissen? Und sind wir dann wirklich klüger?

Überlassen wir das den Kennern und sagen wir, so, wenn nun der Eimer noch vorn ins Bild kommt, dann ist es eben fertig. Fertig, weil ich nicht mehr weiß, was ich noch daraufmalen oder wegnehmen soll.

Wenn ich mir das Bild jetzt ansehe: Eigenartig sieht es schon aus. Ach, man sollte einfach so malen, wie man kann, man muss sich nur richtig darum bemühen. Und wenn es noch jemanden gibt, dem es gefällt, dann reicht das schon. So war das auch, als ich es ihr gab. Damit hat es angefangen: „Abends am Wasser".

Endstation

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1972 Endstation Öl/Pappe 27 cm x 50 cm

Wie kommen Sie auf Ihre Themen? Das fragen viele. Anfangs war die Frage ungewohnt und machte mich verlegen, jetzt weiß ich mehr zu sagen. Wie kommt man schon darauf?

Das ist ganz unterschiedlich: Mal bleibe ich plötzlich stehen, weil etwas zu sehen ist, das auf ein Bild könnte. Es kann auch so sein, dass ich einen Eindruck nicht mehr verlieren und andern zeigen möchte. Oder zeige ich andern, was ich nicht verlieren will?

Dann gibt es wieder so viel Überraschendes, Stimmungsvolles und Beeindruckendes, was ich nie malen könnte. Es geht eben nicht. Es passt nicht in den Bilderhorizont, oder was das sein mag.

Hier war es so: Ein alter Maler war gestorben, ich kannte ihn gut. Beerdigungen bin ich meistens ausgewichen, seltsame Zusammenkünfte, auf denen man ergriffen und traurig ist, Dinge gepredigt bekommt, die trösten sollen, aber eher erschrecken. Man steht gut angezogen da, wie auf einer Bühne. Nun habe ich es wieder einmal mitgemacht, den langsamen Schritt der Leichenträger, allen voran der Herr Pastor, das linkische Aufstellen am Grab und die ganze Verklärung einer Niederfahrt.

Das geht nach. Das ist ein Thema, weil es sich vielleicht in den eigenen Bilderhorizont übersetzen lässt.

Diese Beerdigungsstimmung muss wohl im Bild sein, auch im Überirdischen des Himmels. H. war sogar davor zurückgewichen, sie meinte, es sei ihr sehr eigen, überhaupt nicht fremd und doch erschreckend neu. Dann gewöhnte sie sich daran, und nun ist es ihr schönstes. Der Himmel hat es manchem angetan: „Wenn du ihn abdeckst, ist der ganze Hauch der Verrückung weg." Aber das ist zu grob gedacht. Jede Stelle ist wichtig, jedes Grabmal, auch der gelbe aufgeworfene Grubensand, das Lätzchen vom Herrn Pastor, der Blumenstrauß auf dem Engelgrab und das gelbe Haar der Frau im dunkelroten Mantel.

Gerede über Bilder

Die weiße Kette

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1972 Die weiße Kette Öl/Karton 21 cm x 14 cm

Da habe ich einen dicken, reich verzierten Goldgipsrahmen bekommen. Einen, der fast alle Bilder erdrückt. Wer ihn ansieht, der holt erst einmal tief Luft. Alles, was ich hineingepasst habe, wurde klein und unscheinbar.

Was hält diesen Rahmen aus? Dunkelroter Krapplackgrund vielleicht, ein feuriges Grün und dazwischen etwas gewichtiges Helles.

So ist diese frisch Gebadete entstanden.

„Vielleicht will sie auch erst ins Bad und nimmt sich deshalb die Kette ab." - „Aber nein, sie legt sie doch an." - „Ach, die will überhaupt nicht baden und hat auch nicht gebadet, die will einfach zu einer Verabredung und macht sich schön und ..."

Manche sehen Bilder wie Kreuzworträtsel, denken sich Geschichten dazu. Was war davor, was tut sie da, worauf läuft's hinaus? Bilder sind ihnen nur Anreger, sie nehmen sie nicht, wie sie sind. Sie umkleiden das Bild und schmücken es aus, bis es nicht mehr das ist, was es ohne die üppigen Zutaten der Betrachter war. Doch diese Unbekümmertheit im Umgang mit Bildern ist mir noch lieber als eine Kunstbetrachtung, die sich mit unverständlichem Tiefsinn mystifiziert. Man tut so, als seien bemalte Flächen etwas ganz Besonderes, schwer Durchschaubares, nur für Eingeweihte zu entschlüsseln.

Ich denke mir, ein Bild ist eine sehr konkrete und handfeste Sache, und wer es ansieht, braucht nicht immer erst dahinter zu leuchten, es ist da, wie es ist, sinnlich und unmittelbar. Spüren wir nicht zu oft dem nach, was wir glauben, erhellen zu müssen? Was Kunst in uns wecken soll?

Der Unbefangene, der sich einem Bild gegenüber aufmachen kann, ist besser dran als jemand, dessen Augen vor Ehrfurcht erblindet sind. Er sieht auch mehr als die Verschleierer, die sich gern als Entschlüsseler ausgeben. Denen kann kein Bild mehr die Sprache verschlagen. Sie hemmen so manchen von uns nicht nur beim Sehen, sie hemmen uns auch, zum Pinsel zu greifen.

Aber wer wirklich etwas weiß, wer Linien aufspüren kann, Beziehungen in und zwischen den Bildern zu finden und sie in einen gesellschaftlichen und historischen Zusammenhang zu bringen weiß, dem geht auch beim Bilderansehen nichts verloren. Er gewinnt manches dazu.

Albert Eberts Laternenfest

Feuerwerk

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1972 Feuerwerk Öl/Pappe 30 cm x 40 cm