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Kuckucksrufe und Ohrfeigen


Kuckucksrufe und Ohrfeigen

Erzählungen
1. Auflage

von: Waldtraut Lewin

8,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 20.05.2017
ISBN/EAN: 9783956558023
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 242

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Elf Erzählungen der bekannten Autorin, die entstanden sind während eines Jahrzehnts — Künstlergeschichten, Liebesgeschichten, Geschichten im Spannungsfeld von Realität und märchenhafter Fantastik. Erzählt wird von der skrupellosen jungen Sängerin, die dennoch ihr Publikum bezaubert, von Kurek, dessen Motorrad plötzlich fliegen kann, und von der Chilenin Teresa, deren Lieder verstummt sind. Eine Braut schmückt sich zur zweiten Hochzeit mit demselben Mann und gewinnt dabei zum ersten Mal Klarheit über ihren Partner. Die junge Straßenkomödiantin Olga sucht in den Wirren brasilianischer Gegenwart nach einem festen Halt. Der ungebärdige Lyriker Jonas Alexander Dort wehrt sich gegen den Vorwurf, seine Freundin geohrfeigt und misshandelt zu haben. Mutter und Tochter finden auf der Insel der Kuckucksrufe wieder zueinander … Elf Erzählungen voller Poesie und Fabulierkraft, die mit glücklichem Zugriff Zeitgeschichte lebendig machen.
Elf Erzählungen der bekannten Autorin, die entstanden sind während eines Jahrzehnts — Künstlergeschichten, Liebesgeschichten, Geschichten im Spannungsfeld von Realität und märchenhafter Fantastik. Erzählt wird von der skrupellosen jungen Sängerin, die dennoch ihr Publikum bezaubert, von Kurek, dessen Motorrad plötzlich fliegen kann, und von der ...
Dich hat Amor gewiss …
Wie Karel mit dem blauen Motorrad zu Rosa Laub flog
Netzarbeiten
Wie ein Bissen Brot und ein Glas Milch
Wölfe sind ausgestorben
Das Karussell
Suppenrezepte
Ich wünsch der Braut ein’ goldne Kron
Olga. Filmerzählung
Die Ohrfeigen des Jonas Alexander Dort
Kuckucksrufe auf der Insel
geboren in Wernigerode (Harz), Studium der Germanistik, Latein und Theaterwissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin (Ost) sowie der Freien Universität Berlin (West).
1961 bis 1973 Dramaturgin am Landestheater Halle im Team von Generalmusikdirektor Horst-Tanu Margraf, Regisseur Heinz Rückert und Bühnenbildner Rudolf Heinrich. In dieser Zeit Bühnenfassungen und Übersetzungen von 16 Händel-Opern aus dem Italienischen.
1973 bis 1977 Dramaturgin und Opernregisseurin am Volkstheater Rostock. Erster Roman "Herr Lucius und sein schwarzer Schwan", erschienen 1973 beim Verlag Neues Leben, Berlin.
Seit 1977 freiberuflich. Seitdem ca. 60 veröffentlichte Buch-Titel, darunter 12 gemeinsam mit Tochter Miriam Margraf, über 20 Hörspiele für Kinder und Erwachsene, Reisebücher, Filmdrehbücher, Libretti für zwei Rockopern, Publikationen in Zeitschriften, Anthologien, Periodika, Rezensionen und Feuilletons in Tageszeitungen.
Auszeichnungen
1970 Händelpreis der Stadt Halle
1978 Lion-Feuchtwanger-Preis der Akademie der Künste der DDR
1988 Nationalpreis der DDR
Am Abend aß Gilberta nichts anderes als Honigbrot, sodass Sonja drohte, den Honigtopf wegzuschließen.
Ein Brief von Anna lag auf dem Küchenspind, das Mädchen sah es an der Schrift, aber sie fragte nicht, und Sonja sagte nichts.
Beim Abwasch erkundigte sie sich bei der Tante nach dem seltsamen Menschen, der auf der Insel herumstrich.
„Ach der“, erwiderte Sonja beiläufig. „Das ist Simon. Seit zwei Jahren geht er hier spazieren. Ich dulde ihn, weil er mir manchmal hilft, Kräuter zu sammeln oder die Nester der Vögel zu finden. Er stört nicht, und dass er so laut singt, daran haben sich die Tiere gewöhnt. Ist es ihm gelungen, dich zu erschrecken? Das tut er gern.“
„Er hat mich nicht erschreckt“, sagte Gilberta hoffärtig und stellte, das Geschirr in den Spind. „Ich dachte, er ist vielleicht nicht richtig im Kopf.“
„Das meinen seine Angehörigen auch. Aber er ist sehr anstellig. Hat er sich auch dir gegenüber Wandersmann genannt oder Spielgefährte oder Ofensänger?“
Gilberta antwortet nicht. Ihre Augen hafteten auf dem Brief, der Schrift der Mutter. Er lag offen auf dem Küchenspind.
„Was offen liegt, ist zum Lesen freigegeben“, bemerkte Sonja kurz. „Lies nur. Es ist vielleicht wichtig.“
„Glaube ich nicht“, sagte die Nichte und ließ einen Teller fallen, der klirrend auf dem gemaserten Estrich zersprang.
„Ich finde es kindisch, den Brief nicht zu lesen.“ Die Tante fegte die Scherben auf.
„Ich bin ja auch ein Kind“, entgegnete Gilberta laut und freundlich.
Sie fand das Buch sofort, es lag vorn im Regal, wie bereitgelegt. Was offen liegt, ist zum Lesen freigegeben. Sie hatte gedacht, das alles sei damals nur ein Traum gewesen, nun schlug sich die Seite gleich von selbst auf. Sonja lag und schlief, ihr Atem ging tief und regelmäßig. Gilberta entzündete die Kerze und riss sich ein Haar an der Schläfe aus. Es traf alles ein. Es war Neumond. Inbrünstig, flüsternd, zitternd, verbrannte sie das Haar an der Kerze, sprach den Spruch aus dem Buch: „So wie ich brenne, brenne du auch. / Kehre mir wieder, mir wieder. / Wolke gib Regen, Kerze gib Rauch. / Kehre mir wieder, mir wieder. /Komm über Berg, über Tal, über Steg. / Komme auf gradem und ungradem Weg. / Komme, sonst blase ich so wie ins Licht / dir ins Gesicht.“
Fast ohnmächtig, löschte sie die Kerze. Es war völlig dunkel. Dann vernahm man die Stimmen von draußen, Gelächter, sehr fern, ein altes Lied, Nachtigallen waren aufgewacht, und dieses „Komm du, komm du“.
Als Sonja sie ansprach, schrie sie auf.
Sonja sagte aber: „Du darfst dich nicht wundern, dass manchmal jemand aufwacht, wenn du dich auf so etwas einlässt.“
„Du hättest das Buch wegschließen können.“
„Dann hätte ich nie erfahren, ob du es wagst“, antwortete Sonja im Dunkeln mit leisem Lachen.
„Ich bin müde“, murmelte Gilberta und ging in die Kammer.

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