Details

Die Mücke Julia


Die Mücke Julia

Fantastische Geschichten
1. Auflage

von: Alexander Kröger

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 15.09.2016
ISBN/EAN: 9783956556654
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 204

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Der 1996 erstmals erschienene Band mit fantastischen Geschichten wurde 2011 überarbeitet und um neue Geschichten erweitert.
Eine erotische Zeitreise, das Unheil der naiven Mücke Julia, eine tragische Klon-Story, das Opfer einer »Lautloser«-Erfindung, das »Restrisiko« eines geheimen Atomreaktors oder wie Nils Main sein Schabenweibchen kennenlernt ...
Ist die Emanzipation bereits am Ende? Weiß man, was bei Aschenbrödel wirklich geschah ...? Ein breites Spektrum voller Einfälle - und nicht zuletzt mit Bezügen zu aktuellen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit.
Das Mal
Überraschung
Kaiserschnitt
Der kleine Fehler
Nachtschicht
Gesetzlichkeit
Besuch
Die Mücke Julia
Der Kommunikator
Wasser für Linda
Der Lautloser
Die Wunscheule
Treff im Sektor 17
Das Abartige
Restrisiko
Wiederkehr
Dr.-Ing. Helmut Routschek, geboren 1934 in Zarch (Tschechoslowakei), gestorben am 7. April 2016 in Heidenau, benutzte für seine literarischen Werke das Pseudonym „Alexander Kröger“. In Mühlhausen in Thüringen machte er sein Abitur und studierte an der Bergakademie Freiberg von 1954 bis 1959 Markscheidewesen und Bergschadenkunde. Als Markscheider arbeitete er im Tagebau Spreetal des VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe. Nach einem Zusatzstudium zum Ingenieur für Datenverarbeitung wurde er Experte für Automatisierung und Untergrundgasspeicherung und war mit Forschungs- und Produktionsaufgaben an der Universität, in der Energiewirtschaft und im Umweltschutz leitend tätig. Nach 1981 arbeitete er in der Gebäude- und Wohnungswirtschaft und nach 1990 in der Bauabteilung für Bundesbauten der Oberfinanzdirektion Brandenburg.
Seit 1969 entstanden 33 Romane (einschl. überarbeiteter Neuauflagen) und ein Kurzgeschichtenband, die in sechs Sprachen und in insgesamt 1,65 Millionen Exemplaren erschienen. Nach 1990 erschienen in dem Verlag KRÖGER-Vertrieb, den er gemeinsam mit seiner Frau Susanne gründete, weitere 9 Romane, 5 überarbeitete Neuauflagen und ein Geschichtenband in einer Gesamtauflage von 40 000 Exemplaren.
Bibliografie (Auszug)
Sieben fielen vom Himmel, 1969
Antarktis 2020, 1973
Expedition Mikro, 1976
Die Kristallwelt der Robina Crux, 1977 (überarbeitete Neufassung unter dem Titel Robina Crux, 2004)
Die Marsfrau, 1980
Das Kosmodrom im Krater Bond, 1981
Energie für Centaur, 1983
Der Geist des Nasreddin Effendi, 1984 (überarbeitete Neufassung unter dem Titel Der Geist des Nasreddin, 2001)
Souvenir vom Atair, 1985 (überarbeitete Neufassung zusammen mit Andere unter dem Titel Fundsache Venus, 1998)
Die Engel in den grünen Kugeln, 1986 (überarbeitete Neufassung unter dem Titel Falsche Brüder, 2000)
Der Untergang der Telesalt, 1989 (überarbeitete Neufassung unter dem Titel Die Telesaltmission, 2002)
Andere, 1990 (überarbeitete Neufassung zusammen mit Souvenir vom Atair unter dem Titel Fundsache Venus, 1998)
Vermißt am Rio Tefé, 1995
Das Sudelfaß - eine gewöhnliche Stasiakte, 1996
Die Mücke Julia, 1996
Mimikry, 1996
Das zweite Leben, 1998
Saat des Himmels, 2000
Der erste Versuch, 2001
Chimären, 2002
Begegnung im Schatten, 2003
Robinas Stunde null, 2004
Nimmerwiederkehr, 2009
Ego-Episoden des Alexander Kröger. Wahres, heiter und besinnlich, 2012
Der Lander setzte sacht auf. Wir hatten ihn unmittelbar an den Rand eines Areals mit dichtem Pflanzenbewuchs gesteuert, ja beim Niedergehen sogar Auswüchse von Einzelexemplaren gestreift, und die Maschine stand in einem niedrigen Gewirr von Ranken, Ästen und Blättern. Vor uns aber lag eine große grüne Fläche, die sich weit zur Sohle eines flachen Tales zog, das dann wieder, scheinbar unendlich, bis zu den Wolken anstieg, gegen das Firmament in abgerundeten, links im Blickfeld auch in bizarren, felsigen Bergen auslief. Ein Panorama also als malerischer Hintergrund einer vorgelagerten Erhebung, auf der sich jenes Gebilde befand, das mit einigen anderen am Fuße dieses Berges den Ausschlag für die Wahl gerade dieses Landeplatzes gegeben hatte.
Wir standen im Cockpit vor der großen Direktsichtscheibe und blickten in das Tal hinunter. Das Zentralgestirn war, jetzt hinter hohen Pflanzen nicht sichtbar, über den Horizont getreten, und zunehmend tauchte es das Land in warmes Licht. Rechts in den Wipfeln, dort wo einzelne Strahlen hindurch brachen, glitzerte es millionenpunktig.
Unweit im Vordergrund aber standen drei Lebewesen, braun, auf vier dünnen Beinen, mit Auswüchsen an den Köpfen, die in einem fort nach allen Richtungen spielten. Und auch die Köpfe selbst - auf langen Hälsen - lenkten die Blicke dieser Geschöpfe unstet in die Runde. Hauptsächlich jedoch befassten sich diese Wesen mit einer primitiven Nahrungsaufnahme, die uns diese Lebensform zweifelsfrei einstufen ließ: Tiere.
Die vierbeinigen Bräunlinge senkten die Köpfe, rissen oder bissen den fadigen Bodenbewuchs ab, kauten und verschluckten diesen. Obendrein, darauf ließ ihr sicherndes Verhalten schließen, hatten sie offenbar Feinde, vor denen sie wohl ständig auf der Hut sein mussten.
Dennoch, wir waren uns jetzt angesichts dieser biologisch hochorganisierten Gebilde - und jeder von uns spürte das - einig: Von den drei Leben tragenden Planeten, die wir auf unserer Forschungsreise gefunden und oberflächlich - für mehr reichte die Zeit nicht - untersucht hatten, stand dieser einsam an der Spitze.
Und natürlich vermittelten diesen Eindruck nicht allein der Blick hinab in das Tal sowie die braunen Tiere, sondern die Gesamtheit der Daten, die wir vor der Landung gesammelt hatten. In den Videospeichern befanden sich Angaben über Wüsten und Eisregionen, über riesenhafte Ozeane oder auch ausgedehnte Gebiete, die so dichten Pflanzenwuchs aufwiesen, dass man sich dort eine Evolution bis zu vernunftbegabten Primaten zwar kaum vorstellen konnte. Aber einiges deutete doch darauf hin, dass man solche in anderen Regionen antreffen könnte.
Vernunftbegabte Primaten - sie zu finden der Traum jeder Zivilisation -, die hatte man bislang auf den ausgedehnten Expeditionen noch nirgends entdeckt.
Die Vierbeiner vor dem Lander, von dem sie übrigens keinerlei Notiz nahmen, schieden mit Bestimmtheit aus. Aber das imposante Gebilde dort drüben auf dem Berg jenseits des Tales und die angehäuften geometrischen Körper unterhalb desselben? Von der Vielzahl anderer Merkwürdigkeiten - zum Beispiel Schwimmzeuge auf den Gewässern, das Land da und dort durchziehende Bänder, die weitere geordnete geometrische Strukturen verbanden - ganz zu schweigen. Keiner der Crew also zweifelte, auf Brüder im All gestoßen zu sein.
Allein - nachdem sich die erste Euphorie gelegt hatte, stand zu entscheiden, wie man sich verhalten, man vorgehen solle. Noch gab es keinerlei Hinweise, auf welcher Stufe der Evolution sich die Primaten befinden, welche Kommunikationsmöglichkeiten sich ergeben könnten und wie sie kosmische Besucher aufnehmen würden. Also schien vorsichtiges Kontaktnehmen geboten, und in den Kammern wurden bereits die Akkumulatoren für die Tarnanzüge aufgeladen. Wir würden uns den Wesen, trotz dieser äußerst unbequemen und schweren Ausrüstung, zunächst unsichtbar nähern, sie beobachten und uns möglicherweise erst dann entdecken, wenn keine Feindseligkeiten zu erwarten waren. Vorausgesetzt, es würde Verständigung überhaupt erfolgen können. Ohnehin galt die heilige Order, uns auf keinen Fall in Angelegenheiten derer, die wir wie auch immer antreffen mochten, in irgendeiner Weise einzumischen. Dieses Prinzip war logisch, unkompliziert und sicher. Ich konnte mir keine Situation vorstellen, die mich bewegen könnte, es zu verletzen.
Noch einen Tag verbrachten wir im Lander. Stündlich entnahmen wir der Atmosphäre Proben, maßen die offensichtlich natürlichen physikalischen Felder, und es bestätigte sich: Der Luftmantel würde uns nicht schaden, wenngleich der Sauerstoffgehalt ziemlich hoch lag. Die geringe Schwerkraft würde uns die Last der Tarnanzüge und das Vorwärtskommen erträglicher machen, und von den Strahlungen, Schwingungen und magnetischen Erscheinungen ging keinerlei Gefahr aus. Natürlich würde es notwendig sein, jedweden direkten Körperkontakt mit dem Umfeld zu vermeiden und die Hermetik des Landers streng zu wahren. Der geplante kurze Aufenthalt ließ eine umfängliche, insbesondere aber ungefährliche Anpassung nicht zu.
Wir beobachteten an diesem Tag noch eine Vielzahl weiterer Lebewesen, fliegende, kriechende, hüpfende, huschende, kleine und große. Dieser aus dem Lander heraus wahrgenommene Artenreichtum ließ zusammen mit dem der uns umgebenden Pflanzenwelt auf eine überwältigende Lebensvielfalt und wuchernde Fülle schließen, was keiner von uns je - auch in den üppigsten Träumen nicht - erwartet hätte. Und dann noch Primaten! An diesem Tag sahen wir zwar keine, aber aus den weit entfernten ortsfesten geometrischen Gebilden stieg zuzeiten Rauch, Reflexe blitzten, und ab und an schien sich dort, überlagert von flirrigen Luftschlieren, etwas zu bewegen ...
Kein Wunder also, dass es uns kaum mehr im Gehäuse hielt, wir die Nacht vor dem Ausstieg wenig schliefen, bis spät einem merkwürdigen, vielstimmigen Konzert lauschten, das über das Außenmikrophon zu uns drang, und wir am Morgen die notwendigen Verrichtungen bis zum Ausstieg sehr ungeduldig erledigten.
Den ersten Ausflug traten wir gemeinsam an, beschränkten uns auf die notwendigste Ausrüstung, schleppten aber den voluminösen Zentralkommunikator mit und waren schließlich bis beinahe zur Bewegungsunfähigkeit behängen. Wäre die geringe Schwerkraft nicht gewesen, wir hätten so nichts unternehmen können. Und natürlich ließen wir noch die Gestaltwandler zurück, da wir ja vereinbart hatten, im Verborgenen zu operieren.
Obwohl nun schon einige Male erlebt, griff das erhabene Gefühl, einen Leben tragenden Planeten zu betreten, erneut nach uns. Und hier empfanden wir noch tiefer, waren wesentlich gespannter, stand uns tatsächlich die Begegnung mit einer vernunftbegabten Spezies bevor ...?
Trotz der weitgehenden Abschirmung drang die Frische der Atmosphäre in uns. Wir bewegten uns nebeneinander in flottem Tempo das Tal hinab, hinterließen im grünen, weichen, fadigen Bodenbewuchs mäßige Spuren.
Sehr aufmerksam betrachteten wir das scheinbar auf uns Zukommende.
Wir hatten uns auf Telepath geschaltet, nichts außer diesen Vertiefungen im Untergrund würde auf unsere Anwesenheit schließen lassen. Wir nahmen das in Kauf. Schweben hätte eingedenk unseres Gepäcks zuviel Energie gekostet. Merkwürdig musste es allerdings anmuten, wenn auf der Fläche, entstehend aus dem Nichts, plötzlich Spuren erscheinen. Aber noch gab es niemanden, dem das hätte auffallen können.
Wir erreichten ein Areal, das von der großen Talhangebene durch grobe, abgestorbene Pflanzenstämme verhältnismäßig viereckig abgegrenzt war. Drin im Pferch standen oder lagen träge große Wesen - »Tiere«, signalisierte Bron sofort -, die haarige, krause graue Umhüllungen und stumpfe Gesichter hatten und ab und an uns anfänglich beängstigende Laute ausstießen. Sie hielten sich dicht gedrängt und ästen; einige aber zermalmten in einem fort etwas in ihren Mäulern, obwohl sie nicht das Geringste vom Bodenbewuchs abbissen. »Ich vermute, eine Art lockere Symbiose mit den Primaten ...?«, sagte ich und erhielt keine Antwort. »Nutztiere«, murmelte ich noch. Aber unsere Aufmerksamkeit wurde durch anderes, höchst Merkwürdiges in Anspruch genommen.
Je näher wir dem gekommen waren, was wir für eine Anhäufung von Behausungen vernunftbegabter Primaten hielten, desto nackter und staubiger wurde der Untergrund, auf dem wir uns bewegten. Kahle Stellen vereinigten sich zu einem schroffligen, hellbraunen Streifen, und auf diesem kam uns jenes Monstrum entgegen. Dann, als wir verharrend an den Rand des Streifens getreten waren, rief Sula erregt: »Das ist einer!«
Es machte mich schauern, was da kam. Auf vier Beinen stapfte es heran, schwer, kräftig und irgendwie brutal. Es schob einen mächtigen zweiäugigen, strähnig bewachsenen Kopf vor sich her, schnaubte, wedelte mit zwei schaligen Auswüchsen. Und siehe:
Mitten aus dem massiven Körper wuchs eine Art Säulengebilde nach oben, aus dem an den Seiten wiederum zwei Extremitäten sprossen und das von einem, kein Zweifel, zweiten Kopf gekrönt wurde. Dieser war zierlicher als der erste, zwei klare Augen blickten voraus, ein Atemhöcker war da und ein waagrechter, wulstiger Schlitz, eine im Augenblick geschlossene Körperöffnung - zur Nahrungsaufnahme womöglich.
Das gesamte Wesen war behangen und beschnürt mit allerlei Gerät und - Unnützem, Zierrat vielleicht.
Es stiebte vorbei, Bodenklumpen wirbelten; ein scharfer Geruch stand in der Luft.
»Meine Güte, was für ein Ungetüm!«, sagte ich.
»Ob wir zu so etwas je Kontakt herstellen könnten?«, fragte Sran zweifelnd.
»Na, wenn du schon Bedenken hast«, gab ich zurück. Immerhin galt Sran als Experte für Kommunikation, wenngleich er natürlich noch nie Gelegenheit hatte, einen interkosmischen Dialog zu probieren.

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