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Ab morgen werd ich Künstler


Ab morgen werd ich Künstler

Eine Erzählung aus dem Leben Heinrich Zilles
1. Auflage

von: Brigitte Birnbaum

6,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: PDF
Veröffentl.: 07.11.2013
ISBN/EAN: 9783863944346
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 175

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Der Lithograf Heinrich Zille ist entlassen worden - nach 30 Jahren zuverlässiger und mühevoller Arbeit ist er ,,zu alt für die Firma“! Was soll nun werden? Erschrocken steht Zille auf der Straße. Miete muss bezahlt werden, und Brot gibt kein Bäcker umsonst. Hansens Schulgeld ist fällig, die Winterkohlen sind zu kaufen, und dem Zeitungsjungen Emil wollte er endlich richtige Schuhe schenken. Ratlos geht er durch die Straßen.
Auch wenn es so aussieht - Heinrich Zille ist noch nicht am Ende. Mit seinen Zeichnungen findet er einen neuen Anfang, und für die Berliner Hinterhauskinder Emil und Paule, Fritz und Otto, für alle, die er malt, wird Zille später „der Pinselheinrich“ sein. Aber bis dahin ist es noch ein weiter und mühevoller Weg.
Das mit Zillezeichnungen illustrierte Buch für Kinder ab 10 Jahre erschien erstmals 1977 in Der Kinderbuchverlag Berlin, 1986 unter dem Titel „Der Pinselheinrich“ im Elefanten Press Verlag, Berlin (West).

LESEPROBE:
„Und unter jede noch einen kleinen Witz, so’n paar lustige Worte. ’n echter Berliner lässt sich nicht unterkriegen, behält stets den Humor.‘‘ Zuerst hat ihn diese Forderung von Fräulein Mehlitz gekränkt. Will man sich auf Kosten seiner armen Leute amüsieren? Das duldet der Pinselheinrich nicht. Auf keinen Fall. Aber soll’n sie ihre Witze haben. Seine Straßenkinder sind schlagfertige Gören, und es gibt kein schärferes Schwert als eine spitze Zunge. Mit diesem Schwert wird er kämpfen für die, die sich selbst nicht wehren können. Wird denen Mut machen, die manchmal schon ohne jede Hoffnung sind.
Auf dem vor ihm liegenden Blatt hat er eine Mansarde gezeichnet. Eine lausig kalte Bude ohne Ofen. Am Bett klettern drei Kinder herum. Ein viertes hockt vor der Kommode, die es zu öffnen versucht. Vorn im Bild steht ein Arzt. Tadellos gekleidet. Ihn hat man geholt, damit er für Hans einen Totenschein ausfüllt. Der kleine Hans war nur ein paar Wochen alt geworden. Zu wenig Milch und zu viel Wasser im Fläschchen. Das vertrug er nicht.
„Darüber reißt man keine Witze“, sagt Zille so heftig, dass Hanseken erschrocken „diü!“ schreit.
Er nimmt den Federhalter, taucht ihn ins Tintenfass, stockt, taucht nochmals tief in die dunkle Flüssigkeit und schreibt unter das Blatt:
Arzt: „Kinder, wo ist denn euer heute morgen verstorbenes Brüderchen?“
Kinder: „Ach, Herr Doktor. Mutter ist weggegangen und hat den Hans in die Kommode geschlossen, wir soll’n nicht mit ihm spiel’n.“
Was werden das Fräulein Mehlitz und der Verlagschef dazu sagen?
Der Lithograf Heinrich Zille ist entlassen worden - nach 30 Jahren zuverlässiger und mühevoller Arbeit ist er ,,zu alt für die Firma“! Was soll nun werden? Erschrocken steht Zille auf der Straße. Miete muss bezahlt werden, und Brot gibt kein Bäcker umsonst. Hansens Schulgeld ist fällig, die Winterkohlen sind zu kaufen, und dem Zeitungsjungen ...
Brigitte Birnbaum
Geboren 1938 in Elbing/Westpr., 1945 Flucht über Berlin nach Mecklenburg, Abitur, Ausbildung als Apothekenhelferin, Studium am Institut für Literatur in Leipzig (Diplom), Antiquarbuchhändlerin.
Seit 1968 freischaffende Schriftstellerin in Schwerin. Seit 1969 Mitglied im Schriftstellerverband der DDR, seit 1974 Mitglied im Bezirksvorstand, seit 1978 Mitglied im Vorstand des DSV. Nach seiner Auflösung Mitglied des VS/IG Medien, 2001 ausgetreten.
Sie lebte von 1960 bis 2003 in Schwerin, seit 2003 in Hamburg, seit 2013 wieder in Schwerin.
Auszeichnungen:
1977: Fritz-Reuter-Preis des Bezirkes Schwerin
1985: Kunstpreis der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft
Bibliographie:
Bert, der Einzelgänger, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1962
Reise in den August, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1967
Leute von Karvenbruch (Mitautorin am Szenarium), DFF 1968
Tigertod, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1969
Pawlucha, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1970
Nur ein Spaß, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1971
Der Hund mit dem Zeugnis, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1971
Wer ist Fräulein Papendiek?, Fernsehfilm für Kinder, DFF 1972
Tintarolo. Ein Buch für Kinder über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1975, Tallinn 1980, Berlin-West 1981
Winter ohne Vater, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1977
Ab morgen werd ich Künstler, Kinderbuch über Heinrich Zille, Berlin 1978, Tallinn 1987, Berlin-West 1986
Alexander in Zarskoje, Kinderbuch über Alexander Puschkin, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1980
Löwen an der Ufertreppe, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1981
Das Siebentagebuch, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1985
Kathusch, Jugendbuch über Käthe Kollwitz, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1986
Fragen Sie doch Melanie!, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1987
Von einem, der auszog, neue Eltern zu suchen, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1989
Der Maler aus der Ostbahnstraße, Jugendbuch über Hans und Lea Grundig, Der Kinderbuchverlag, Berlin 1990
Das Schloss an der Nebel, Erzählung, Landesverlags- und Druckgesellschaft mbH Mecklenburg & Co. KG, Schwerin 1991
Spaziergänge durch Güstrow, Ein Stadtführer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1992
Welche Stadt hat schon 7 Seen? in: Kleine Bettlektüre für liebenswürdige Schweriner, Scherz Verlag, Berlin/München/Wien 1993
Wider die kleinen Mörder, Kiro-Verlag, Schwedt 1994
Fontane in Mecklenburg, Demmler Verlag, Schwerin 1994
Ernst Barlach. Annäherungen, Demmler Verlag, Schwerin 1996
Noch lange kein Sommer, Verlag Reinhard Thon, Schwerin 1998
„Und unter jede noch einen kleinen Witz, so’n paar lustige Worte. ’n echter Berliner lässt sich nicht unterkriegen, behält stets den Humor.‘‘ Zuerst hat ihn diese Forderung von Fräulein Mehlitz gekränkt. Will man sich auf Kosten seiner armen Leute amüsieren? Das duldet der Pinselheinrich nicht. Auf keinen Fall. Aber soll’n sie ihre Witze haben. Seine Straßenkinder sind schlagfertige Gören, und es gibt kein schärferes Schwert als eine spitze Zunge. Mit diesem Schwert wird er kämpfen für die, die sich selbst nicht wehren können. Wird denen Mut machen, die manchmal schon ohne jede Hoffnung sind.
Auf dem vor ihm liegenden Blatt hat er eine Mansarde gezeichnet. Eine lausig kalte Bude ohne Ofen. Am Bett klettern drei Kinder herum. Ein viertes hockt vor der Kommode, die es zu öffnen versucht. Vorn im Bild steht ein Arzt. Tadellos gekleidet. Ihn hat man geholt, damit er für Hans einen Totenschein ausfüllt. Der kleine Hans war nur ein paar Wochen alt geworden. Zu wenig Milch und zu viel Wasser im Fläschchen. Das vertrug er nicht.
„Darüber reißt man keine Witze“, sagt Zille so heftig, dass Hanseken erschrocken „diü!“ schreit.
Er nimmt den Federhalter, taucht ihn ins Tintenfass, stockt, taucht nochmals tief in die dunkle Flüssigkeit und schreibt unter das Blatt:
Arzt: „Kinder, wo ist denn euer heute morgen verstorbenes Brüderchen?“
Kinder: „Ach, Herr Doktor. Mutter ist weggegangen und hat den Hans in die Kommode geschlossen, wir soll’n nicht mit ihm spiel’n.“
Was werden das Fräulein Mehlitz und der Verlagschef dazu sagen?
Auf diese Frage weiß Hulda Zille ihrem Mann beim besten Willen nichts zu antworten. Im Augenblick ist ihr sowieso etwas anderes viel wichtiger. Seine Gesundheit. Seit Tagen hockt er in der Stube, wie angeleimt. Ganz zu schweigen von den halben Nächten, die er über seinen Stricheleien verbringt. Beißender Pfeifenqualm hängt in Gardinen und Möbeln. Dieses ständige Rauchen! Ruinieren wird sich Heinrich. Alles wegen diesem Buch!
Zur Zuckerkrankheit wird er sich noch eine Lungenschwindsucht aufhalsen. Das muss sie verhindern, und sie hat sich schon eine List ausgedacht, ihn an die frische Luft zu schicken. Sie wird Fenster putzen.
„Hulda, aber doch nicht jetzt!“, protestiert er. „Ich muss arbeiten.“
„Ja,ja ...“ Unbeirrt rückt sie die Staffelei zum Schrank, um das Fenster zu öffnen. „Zum Arbeiten brauchste Licht, Vater ... unsere Scheiben lassen bald keins mehr durch ... wenn ich das Wetter nicht nutze ...“
„Ausgerechnet heute!“ Er wirft ihr einen bösen Blick zu.
„Morgen kann’s schon wieder regnen.“ Sie darf nun nicht nachgeben.
„So dreckig sind sie doch gar nicht.“
Hulda quartiert bereits Hanseken samt Käfig in die Küche um, damit er sich nicht erkältet.
Zille möchte mit der Faust auf den Tisch hauen. So einen Zorn hat er. Aber er braucht beide Hände, um seine Zeichnungen festzuhalten. Sonst weht der Wind sie vom Tisch. Diese Hulda!
„Und wo bleib ich?“, knurrt er.
„Vertret dir’n Stündchen die Beine, Vater.“ Sie sagt es mit einem Lächeln, dass er sich wortlos fügt. Sie kennt ihren Heinrich. Aus einem Stündchen werden mindestens zwei, drei, und wenn er gar einen Bekannten trifft, wird er eventuell den ganzen Nachmittag wegbleiben.
Der Bekannte ist Emil. Wird ja allmählich Zeit, dass er sich für die Hose bedankt. Doch der wahre Grund, weshalb er den Pinselheinrich besuchen will,. ist ein anderer. Emil möchte einen Rat, und er hofft sogar, sich mit dem Pinselheinrich in einer bestimmten Sache gegen Onkel Gustav verbünden zu können.
„Vor Zilles Haus lässt ihn dann beinah sein Mut im Stich. Kräftig spuckt Emil noch mal auf die krummen Pflastersteine, tippt mit zwei Fingern gegen seine Mütze, schnurchelt durch die Nase - und da tritt Zille aus der Haustür. Überrascht mustern sie sich gegenseitig vom Scheitel bis zur Sohle. Emil zupft an der Hose, stellt sich in Positur und grient. Zille nickt.
„Sie passt?“ Er legt dem Jungen die Hand auf die Schulter.
„Einwandfrei, Meester!“, sagt Emil, und die beiden ziehen gemeinsam los, als hätten sie sich zu einem Bummel verabredet.
„Na, Emil, wie geht es deinem Onkel?“, erkundigt sich Heinrich Zille.
„Onkel Gustav? Wenn er nicht Zeitung liest, sitzt er da und ärgert sich, dass ihn Mutter mit durchfüttern muss.“ Emil wittert eine Chance für seinen Plan. „Wollen Sie ihn malen?“
Zille überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. Emil wundert sich. Noch nie wollte der Pinselheinrich den Onkel zeichnen. Warum? Aber Emil hat jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken. Er denkt an seinen Plan.
„Seine Hand ist noch nicht heil“, redet er weiter. „Nichts kann er machen, nicht mal das Rattenloch in der Fußleiste zunageln. Für mich natürlich ’n Klacks.“ Emil versucht, sich vor dem Pinselheinrich herauszustreichen. Der jedoch überhört es.
Sie wandern zum Spandauer Berg. Unwillkürlich schlägt Zille den Weg ein, auf dem er sonst jahraus, jahrein zur fotografischen zuckelte. An der Ecke, wo sich Sophie- Charlottenstraße und die Chaussee, die nach rechts zum Schloss führt, kreuzen, versperrt eine Gruppe von Passanten den Fahrdamm. Ein Pferd ist gestürzt. Mit Geschrei und Püffen wird es wieder auf die Beine gebracht. Emil sieht, wie es angstvoll mit den dunklen Augen rollt, wie die geblähten Nüstern Luft einsaugen; sieht, wie ein Zittern über das Fell des Pferdes läuft. Der Kutscher knallt mit der Peitsche, und das Tier legt sich in die Sielen.
„Nee, ich möchte kein Pferd sein“, sagt Emil.
Ideen hat so ein Bengel, denkt Zille und fragt: „Was möchtest du eigentlich mal werden von Beruf?“ Sie biegen nach links ab, tauchen unter der Brücke zwischen Bahnhof Westend und Güterbahnhof hindurch. Über ihren Köpfen rattert ein leerer Zug. Darum versteht Zille Emils Antwort nicht, und der Junge wiederholt: „Am liebsten was mit Rechnen.“
„Du rechnest gern?“ Das hat Zille nicht erwartet. Warum eigentlich nicht?
„Mich begaunert nicht mal der dicke Künze!“, prahlt Emil ein bisschen. „Mein Kopp ist fixer. Ehrenwort!“
„Hast ’ne Eins in Rechnen?“
„Das ist nicht schwer.“
Zilles Miene drückt Anerkennung aus. Schade um den Jungen, denkt er. Was wird ihm seine Begabung nützen?

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