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Geschichte eines knorrigen Lebens


Geschichte eines knorrigen Lebens


1. Auflage

von: Klaus Möckel

7,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 27.10.2011
ISBN/EAN: 9783863941642
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 238

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Man hat es nicht leicht mit ihm. Max ist eigenwillig, ein Mensch mit allerhand Schrullen. Ein Wühler, der jäh alles hinschmeißen kann, ein Querkopf, der sich nicht gern in eine Sache hineinreden lässt. Geboren 1907 in der Familie eines ehemaligen Bergarbeiters, der das Wohnzimmer seines Hauses zum Schankraum macht, ist er nach eigenen Worten zu ungeschickt, um anderswo als im "Schacht" zu schuften. So rackert er jahrzehntelang untertage. Er überlebt einen Unfall, bei dem er zwischen zwei Kohlenzüge gerät, und beide Weltkriege – beim zweiten bewahrt ihn das "schwarze Gold" vor der Front.
Der Hunger ist lange Zeit sein Begleiter. Was Wunder, wenn ihn der Gedanke ans Essen fasziniert. Viel muss es sein, zehn Klöße zum Mittag und zwanzig Pfund Brot die Woche, um die bei der Arbeit verbrauchten Kalorien auszugleichen. Doch Max, der seiner Frau das Rechnen überlässt, gern Bücher über ferne Länder liest, ohne großen Erfolg Englisch oder Russisch zu lernen versucht, ist viel mehr als ein starker Esser...
Mit viel Humor und einem Gespür für das Besondere hat Klaus Möckel die Geschichte seines Vaters aufgeschrieben, eines Arbeiters, wie man ihn in der heutigen Literatur kaum noch findet.
Man hat es nicht leicht mit ihm. Max ist eigenwillig, ein Mensch mit allerhand Schrullen. Ein Wühler, der jäh alles hinschmeißen kann, ein Querkopf, der sich nicht gern in eine Sache hineinreden lässt. Geboren 1907 in der Familie eines ehemaligen Bergarbeiters, der das Wohnzimmer seines Hauses zum Schankraum macht, ist er nach eigenen Worten zu ...
Klaus Möckel, der am 4. August 1934 im sächsischen Kirchberg geboren wurde, erlernte zunächst den Beruf eines Werkzeugschlossers, studierte später in Leipzig Romanistik und arbeitete anschließend als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Jena. Danach war er als Lektor für romanische Literatur in Berlin tätig. Beim Verlag Volk und Welt machte er sich bald einen Namen als Herausgeber, Übersetzer und Nachdichter vor allem moderner französischer Dichter. Seine 1963 veröffentlichte Dissertation hatte Möckel über den Autor des Kleinen Prinzen geschrieben: „Die Rolle der bürgerlichen Gesellschaft bei der Herausbildung von Antoine de Saint-Exupérys Weltanschauung“. Seit 1969 arbeitet der Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer als freier Autor. Seither veröffentlichte er fast 50 Bücher: Spannende Krimis, anspruchsvolle Science-Fiction-Bücher, sehr gut recherchierte historische Romane, einfühlsame Lebensberichte und wunderschöne Kinderbücher, darunter Erfolgstitel wie „Hoffnung für Dan“ und „Die Gespielinnen des Königs“ sowie die literarischen Vorlagen für die Polizeiruf-110-Folgen „Drei Flaschen Tokaier“ und „Variante Tramper“. Hinzu kommen 14 Herausgaben und 19 Übersetzungen aus dem Französischen, Spanischen und Russischen. Möckel arbeitete häufig, vor allem bei Übersetzungen, mit seiner Frau Aljonna Möckel zusammen und verfasste gemeinsam mit ihr unter dem Pseudonym Nikolai Bachnow mehrere Fortsetzungsbände zu den Märchenromanen Alexander Wolkows wie „Die unsichtbaren Fürsten“ und „Der Hexer aus dem Kupferwald“.
"Ich kauf Leder und mach es selber. Wie bei den Arbeitslatschen."
Er reparierte die Schuhe tatsächlich, auf dem eisernen Dreifuß, laienhaft und fluchend, aber am nächsten Tag kam von unten ein Nagel durch, scheuerte ihm den Fuß wund, so dass aus dem Laufen die reinste Humpelei wurde. Und so fort. Schließlich wurde es ihm zuviel: "Also, hör zu, Frau, ich hab mit Karl Schmutzler geredet, er ist an der Harmonika interessiert. Hat mich schon früher mal angesprochen. Er will sie seiner Tochter zu Weihnachten schenken."
"Und ich war bei Fahrrad-Hempel, hab mir alles angeguckt und erklären lassen. Wir nehmen eins, das ganz stabil ist, legen lieber ein paar Mark drauf. Was die Harmonika nicht bringt, müssen wir eben abzahlen."
Der Austausch wurde vollzogen, die Kunst überließ ihren Platz dem so dringend benötigten Fortbewegungsmittel. Für Max war das Fahrrad, mit Vorderradbremse, Rücktritt und seinem Dynamo zur Beleuchtung, ein Wunderwerk der Technik. Dazu - lackglänzend und chromblitzend - eine Augenweide.
"Es trug mich von der Haustür bis zum Zecheneingang", sagt er. "Aus diesem Grund hat sich das Rad durchgesetzt wie heutzutage das Auto. Der Mensch macht sich's gern bequem, verstehst du. Von Tür zu Tür fahren, das gefällt ihm. Nicht zu Fuß zur Bahn und nach Verlassen der Bahn wieder zu Fuß oder mit irgendeinem anderen Beförderungsmittel. Nein, von Tür zu Tür!"
"Wenn damals ein Auto kam", schaltet sich Mutter trocken ein, "ist er abgestiegen und hat sich hinter einen Baum gestellt. Aus Angst, überfahren zu werden."
"Ach Unsinn", Max ist verlegen.
"Behaupte bloß, es stimmt nicht."
"Lediglich am Anfang", gibt Vater zu, "ich musste ja das Fahren erst lernen. Außerdem war ich unsicher, den Verkehr nicht gewohnt. Andererseits war das Absteigen bloß möglich, weil es noch wenig Autos gab. Heutzutage käme man vor lauter Rauf und Runter gar nicht mehr vom Fleck."
"Jedenfalls war es eine große Erleichterung für dich", sage ich.
"Man konnte sich nach der Schicht auch mehr Zeit lassen. Mit dem Ausfahren, Waschen und so. Nicht hopp, hopp, damit man nur ja den Zug erreichte."
"Nur wenn er unterwegs eine Panne hatte", schränkt Mutter ein, "wenn er flicken musste oder gar schieben. Dann stand kein Stecken gerade."
"Vor allem später, im Krieg, als die Bereifung immer schlechter wurde und die Gummilösung nichts mehr taugte, musste ich oft vom Rad. Bin manchmal fast verrückt geworden."
Und ich stell mir vor, wie er am Straßenrand das Vorder- oder Hinterrad ausbaut. Der Schlauch hat ein winziges Loch, das erst lokalisiert werden muss. Also aufpumpen und ihn in einer Pfütze, im Graben nebenan so lange unter Wasser drücken, bis man die Blasen aufsteigen sieht. Dann die Stelle markieren und aufrauen, damit der Leim hält, dann kleben. Warten, bis die Verbindung stabil ist - das vielleicht Schwerste, weil man dazu Geduld braucht. Geduld aber, das kennen wir ja, hat Max nicht, immer wieder wird ihm das zum Verhängnis. So flickt er, reißt ab, flickt erneut, zieht die Bereifung auf und muss nach ein paar hundert Metern bereits erneut vom Rad.
"Einmal hat er das Rad in den Graben geschmissen", sagt Mutter, "und ist zu Fuß weiter. Fast zwei Kilometer. Dann hat er sich's überlegt, ist umgekehrt." Und nach einer Pause: "Nicht nur unterwegs hat Vater Schläuche geflickt, sondern auch zu Hause. Wenn's nicht gleich klappte, war dicke Luft. Wir haben uns verdrückt, du und ich."
Daran erinnre ich mich nicht, wohl aber an Augenblicke, da der Fahrradschlauch gegen die Hofmauer klatschte, wenn die Reparatur nicht erfolgreich war.


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