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Eulenort


Eulenort

Aus dem unglaublichen Leben des Rudi Kleineich oder Glückssuche in einer harten Zeit
1. Auflage

von: Harry Schmidtt

8,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 01.03.2018
ISBN/EAN: 9783956558771
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 308

Dieses eBook erhalten Sie ohne Kopierschutz.

Beschreibungen

Das sehr spannend geschriebene Buch spielt zwischen Winter 1945 und Weihnachten 1953 – mit dramaturgisch geschickt eingefügten Rückblenden in die Jahre 1919, 1923 1930. Der titelgebende Eulenort ist das vorpommersche Gutsarbeiterdorf Lindenhof, ein Ort ohne Eulen, ohne Zeitungen und ohne Strom. Zu dessen Bewohnern gehört auch der 25-jährige Tagelöhnersohn und „Bienenmann“ Rudi Kleineich, der zwar im wehrfähigen Alter ist, wie es damals hieß, der aber an der lebensgefährlichen Bluterkrankheit leidet und dennoch einen unbändigen Lebenswillen hat. Der wird noch gesteigert, als er in den Wirren der Zeit in den Besitz eines vielbändigen Lexikons von 1886 kommt. Daraus erfährt er, dass er nicht unbedingt so früh sterben muss wie sein Onkel, bei dem er sich das Imkern abgeguckt hat. Die eigentliche Handlung setzt wenige Tage vor dem mit großer Angst und Ungewissheit erwarteten Einmarsch der Russen ein, die schon kurz vor dem Dorf stehen sollen. Als die Rote Armee dann tatsächlich einrückt, passieren auch in Eulenort viele schreckliche Dinge, mit denen die Soldaten mit dem roten Stern Rache an ihren deutschen Feinden nehmen – vor allem an deren Frauen, fast egal wie alt oder jung die sind. Auch in diesem vorpommerschen Ort lässt Harry Schmidt in Anlehnung an die harten historischen Fakten einen wahren mehrtätigen Vergewaltigungsrausch geschehen. Recht und Gesetz scheinen vor der Gewalt des Krieges kapituliert zu haben und auch Offiziere weder Anstand noch Menschlichkeit mehr zu kennen. Dann aber ist plötzlich Schluss damit. Wie als habe irgendwer bei der Besatzungsmacht einen Schalter umgelegt, wird der Gewaltrausch beendet und wo eben noch straflos vergewaltigt und ermordet werden konnte, drohen den Tätern aus den eigenen Reihen jetzt selber wieder drastische Strafen – bis hin zum standrechtlichen Erschießen. Die neue Ordnung greift durch. Was aber wird die Zukunft den kleinen Leuten aus Lindenhof überhaupt bringen? Und hat Rudis zarte Liebe zu Christel, dem Flüchtlingsmädchen, eine Chance?
Das sehr spannend geschriebene Buch spielt zwischen Winter 1945 und Weihnachten 1953 – mit dramaturgisch geschickt eingefügten Rückblenden in die Jahre 1919, 1923 1930. Der titelgebende Eulenort ist das vorpommersche Gutsarbeiterdorf Lindenhof, ein Ort ohne Eulen, ohne Zeitungen und ohne Strom. Zu dessen Bewohnern gehört auch der 25-jährige ...
April 45 – Zukunftsaussichten
Oktober 19 – ein Sündenfall
Mai 45 – Frieden
März 23 – verspätete Hochzeit
Januar 30 – neue Hoffnungen
Dezember 45 – Typhus
Weihnachten 53 – Freie Spitzen
Geboren und aufgewachsen in der Nähe von Ribnitz-Damgarten, habe ich auch hier in der Region (Rostock) vor langer Zeit Mathematik studiert. Bis zur Wende arbeitete ich in einem Rechenzentrum, dann unter schwierigen Verhältnissen in Firmen, die Häuser und Yachten bauten. Inzwischen 69 Jahre alt und längst vierfacher Opa, habe ich mich neben der Arbeit als dröger Programmierer schon immer aktiv mit Schöner Literatur befasst. In der DDR-Zeit versuchte ich ziemlich lange, einen Verlag von meinem (phantastisch verfremdeten) Mauer-Roman zu überzeugen. Kurz vor der Wende bekam ich eine Zulassung zum Fernstudium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“. Doch da war anderes lebenswichtiger.
Im Jahr 2000 erschien im Scheunenverlag, Kückenshagen, mein Erzählband „Lapislazulisteine für Ostdeutsche“.
Inzwischen bin ich Rentner und habe – was ich nie hatte – genügend Zeit zum Schreiben.
Im März 2014 wurde der Roman „Ein beschneites Feuerwerk“ veröffentlicht, meine literarische Auseinandersetzung mit den Problemen und Herausforderungen der Wende.
2016 folgte „Der Sprosser und die Gottesbrille – ein nachdenklicher Thriller“.
Ich wohne mit meiner Frau, unserem Hund und zwei Katzen am Dorfrand; vor uns nur noch Feld, Wald, die Flussniederung der Trebel.

Harry Schmidt Januar 2018
Der Förster räuspert sich, zeigt wortlos auf den Planwagen, der vor dem Kuhstall steht. Angetrockneter Moorboden bis über die Radnarben.
Rudi nickt. Daran, dass vieles jetzt wichtiger ist als Imkerei, hat er sich ja bereits gewöhnt. Aber die Erde aus der Wiese bringt ihn auf eine Idee: Der Pavillon, auf einer Anhöhe jenseits der Torfkuhlen. Unterkellert für das während der Treibjagd geschossene Wild. Seit vielen Jahren nicht mehr benutzt. Seit Graf August fort ist und das Gut unter Zwangsverwaltung steht. Rudi hatte immer nur rings um den Lindenhof nach einem Versteck gesucht.
Sein Dienstherr dreht den kleinen eckigen Kopf hin und her. Die Wirtschaftsgebäude musternd, als müsse er sich überzeugen, dass wirklich keiner zuhört. „Hitler ist tot“, raunt er schließlich. Seine Augen aufreißend, als verkünde er Unfassbares. „Und morgen um die Mittagszeit haben wir den Russen am Hals. Hier auf dem Hof. Mit einer Militärmaschinerie, die du dir gar nicht vorstellen kannst.“
Weiße Fahnen! denkt Rudi. Endlich habe der Mann begriffen, dass es nichts mehr zu verteidigen gibt. An die Schießübungen der Tochter denkt er nicht, obwohl es ein Stück hinter dem Bienenhaus immer noch sirrt und klatscht.
Der Förster guckt ihn an. Wartet. Als er keine Antwort erhält, flüstert er mit leisem Triumph: „Noch ist nicht alles verloren, mein Junge. Großadmiral Dönitz übernimmt; wird den Westalliierten eine Teilkapitulation anbieten. Und den gemeinsamen Kampf gegen unseren wahren Feind, den Bolschewismus.“
GEMEINSAMER KAMPF! höhnt es in Rudi. Dieser Idiot! „Kam das im Radio?“, fragt er misstrauisch.
Nein, sie hätten schon lange keinen Strom mehr. Eine Nachricht von höchster Stelle, persönlich übermittelt vom Forstmeister Fischland-Darß, der dem Reichsforstamt …
Er unterbricht sich, als habe er schon zu viel gesagt. Wechselt den Tonfall ins Dramatische: „Morgen sind die Okkupanten hier. Bist du bereit, deine Heimat zu verteidigen, Junge? Bist du ein Patriot?“ Er duckt sich, stützt die Hände auf die Knie, als starre er aus einem Unterstand nach oben. „Organisation WERWOLF, wenn dir das etwas sagt! Wir werden uns überrollen lassen, werden kämpfen im Hinterland des Feindes. Und Rache nehmen dabei für jede seiner Gräueltaten.“
Er stutzt. Fragt seinen Imker in normalem Ton, ob der überhaupt umgehen könne mit einem Gewehr, wo er doch gar nicht gedient hätte?
Er habe einen Tesching, antwortet Rudi abweisend. Damit habe er auf Wildtauben geschossen und auf die Stare, zu Hause in den Kirschbäumen.
„Einen TESCHING mit Zündhütchenladung“, mokiert sich der Förster. „Eine wahrhaft mörderische Waffe!“
Rudi hebt die Schultern. Er denkt nicht daran, sich mit seinem Dienstherrn irgendwo einzugraben. Jetzt zu Ende des Krieges noch eine Art Partisan zu werden. Untergrundkämpfer für die Interessen geschlagener Eroberer. Er könnte das auch gar nicht. Schließlich hat er für Christel zu sorgen. Und notgedrungen auch für ihre Familie.
Seine Jüngste habe beizeiten geübt, mit einer Waffe umzugehen, sagt Förster Petow, sich mit der Rechten über die eisengrauen Haarstoppel fahrend. Es scheint ihm nicht leicht zu fallen, auch noch die Tochter ins Spiel zu bringen. Bereits als Kind habe er sie mit auf den Anstand genommen, erklärt er umso schroffer. Gegen den Willen ihrer kranken Mutter übrigens. Er lächelt bärbeißig.
Rudi entgegnet, dass er im geplanten Widerstand keinen Nutzen und auch keinen Sinn mehr sehe.
Sein Dienstherr wird ärgerlich. „Was willst du dann unternehmen, Junge? Warten bis sie dir den Hals durchschneiden. Dich niedermähen mit einer Salve aus ihren Kalaschnikows? – Dann lieber ein Ende in Ehren.“
Rudi schweigt. Er hat sich überlegt, dass eine offene Ablehnung gefährlich werden kann. Immer noch.
Förster Petow scheint neue Zuversicht zu schöpfen. Er wird gesprächig. Berichtet vom Bunker, den sie angelegt hätten. Hundertprozentig sicher, über der Balkendecke anderthalb Meter Erde. Die Wände abgestützt mit Grubenholz. Ausstiegsklappe und Fluchtröhre wie in einem Fuchsbau nach russischer Machart. Proviant für etliche Wochen. Matratzen, Decken, Geschirr. Dazu jede Menge Sprengstoff. Alles so, wie vom Forstmeister vorgegeben.
„Und wozu das alles? Mit DREI Leuten Besatzung?“
„Wir sind ja nicht die Einzigen. Und wir erfüllen unsere Pflicht.“
„Welche Pflicht denn noch?“
„Die Befreiung Europas vom Bolschewismus natürlich.“ Förster Petow legt seinem Imker die Hand auf die Schulter und dämpft seine Stimme erneut zu einem Raunen. Der oberste Chef sei General der Waffen-SS. Der schlage sich auf die Seite der Engländer und Franzosen. Die Befreier kämen dann mit Schnellbooten. Gingen auf dem Darß an Land.
Ein Wahnsinniger! denkt Rudi.
Die Amerikaner seien schon in Schwerin, flüstert sein Arbeitgeber. Die westlichen Alliierten würden die Russen zurückdrängen, in Verhandlungen oder mit Gewalt. Sie hier – als Zellen des Widerstandes – müssten nur durchhalten, einfach durchhalten. Aber es gehe ja zum Sommer.
„Ich höre immer WIDERSTAND?“
„Wir sprengen ihre Lebensmitteltransporte, ihre Nachschubwege.“
Bis sie schreiend die Flucht ergreifen, denkt Rudi voll Hohn. Er hebt seinen linken Arm, betastet den Ellenbogen. „Ein Sicherheitsrisiko im Kampf“, sagt er, das Gesicht maßvoll verziehend. „Nicht umsonst ausgemustert.“
Förster Petow bekommt seinen lauernden Blick. Während der Erntezeit noch nie krank geworden – habe er unlängst erst gehört! Eine Zusage von Mann zu Mann, Voraussetzung für den Arbeitsvertrag. – Oder, Volksgenosse Kleineich?
Dazu kann Rudi nur nicken. Könnte allenfalls noch einwenden, dass er als Imker eingestellt wurde und nicht als Heckenschütze. Doch plötzlich steht Tochter Sophie neben ihnen, das Jagdgewehr über die Schulter gehängt. In der Miene Stolz und fiebrige Genugtuung. „Jeder Schuss ein Treffer ins Schwarze“, meldet sie den Männern. „Na ja, bis auf eine Ausnahme.“
„Bravo!“, antwortet Rudi.
Sie guckt ihn fragend an. Begutachtet dann die pulsende Gesichtshaut des Vaters.
„Lass mich mal allein mit unserem Immenmann, Papa!“
Förster Petow murmelt Unverständliches. Begibt sich folgsam zurück ins Haus.
„Wir brauchen dich – als Dritten im Bunde. Allein schon, weil immer einer Wache schieben muss.“
Rudi hat das Empfinden, sie hätte nicht WIR, sondern ICH gesagt. Also schildert er, so eindringlich er kann, die selbstmörderische Sinnlosigkeit ihres Unternehmens. Doch sie lächelt nur überlegen und ein bisschen mitleidig, als wisse sie das besser.
Seine Stirnfalte vertieft sich. Man verteidige auch gar nicht die Heimat, behauptet er. Man mache sich gemein mit den Hitler-Leuten.
Sie widerspricht ihm: Nur weil man noch Stolz und Ehre im Leib habe, sich nicht willenlos abschlachten lasse?
„Versteckt euch – ohne Waffen!“
Sie schüttelt den Kopf mit den blonden, kurz geschnittenen Haaren. Fragt, ob Tapferkeit nur dann etwas Gutes sei, wenn ein Sieg winke.
Darauf weiß er nicht zu antworten.
„Na siehst du!“, sagt sie. Und fügt hinzu, sie habe mal gelesen – in einem Roman über den ersten großen Krieg: Jede Tat, auch die aussichtsloseste, habe ihren Adel, wenn sich die Leute in treuem Glauben für sie opferten.
Er wolle aber nicht, dass sie sich OPFERE, antwortet er, noch ein wenig dunkler werdend im Gesicht.
Dann solle sie sich also widerstandslos ENTEHREN lassen, schnaubt sie. Und ihre Augen blitzen ihn an. Denn wie des Scherenschleifers Weib komme sie nun mal nicht daher.
Rudi knirscht mit den Zähnen. Ja, notfalls auch das, wenn ´s ums nackte Überleben gehe. Und in ihren wütenden Protest hineinredend: Nein, er sei keine Frau, aber mit Schmerzen habe er reichlich Erfahrung, da kenne er sich aus. Seine Krankheit wäre nicht nur ein Überfall, vielleicht zehn Minuten dauernd, jedenfalls zeitlich begrenzt von Mutter Natur. Nein, die beschere ihm tagelange Quälerei. Die FOLTERE ihn. Bis die Welt verschwimme, sich regelrecht auflöse, zu rotem Matsch werde.
Sie hebt die freie Schulter. Rund hervortretend in ihrer Arbeitsmontur. Schon möglich, dass er stark im Erdulden sei. Ja doch, sie glaube es ihm gerne. Aber das könne und wolle sie nicht. Nachdem sie die Schulter gewechselt hat für ihr Gewehr, fügt sie spöttisch hinzu: Christus am Kreuz sei eben nicht jedermanns Sache und ihre schon gar nicht.
Der Förster ist zurückgekehrt. Fragt unsinnigerweise, ob sie endlich gepackt habe. Über Rudi, der immer noch ein neu gedrahtetes Rähmchen in der Hand hält, hinweg starrend, als existiere der gar nicht mehr.
„Er sagt, dass wir auf der falschen Seite stehen.“
Vater Petow winkt ab. „Er ist ein Feigling, mein Kind. Und sein Herz brennt nicht für Deutschland. Leider Gottes! So wie bei vielen Landarbeitern in den Dörfern – wenn es hart auf hart geht.“
Das sei aber ungerecht geurteilt, widerspricht seine Tochter.
„Ach was!“ Die von Äderchen durchzogenen Wangen des Försters pulsen schon wieder. Er solle an den Planwagen denken! herrscht er seinen Imker an.
„Und was wird aus den Kühen?“, fragt der nicht weniger barsch. Überzeugt inzwischen, dass er nichts mehr zu verlieren hat.
Die werde er jeden Tag melken und wenn es mitten in der Nacht sei, antwortet der Dienstherr grimmig. Rudis Tonfall offenbar hinnehmend.
„Und die Schweine?“
Die treibe er in den Wald.
„Und das Federvieh?“
Ebenfalls Selbstversorger.
„Und die beiden Setter?“
Förster Petow zögert, als müsse er erst überlegen. Als sei ihm die Antwort irgendwie unangenehm. Ja, die braven Hunde, die werden man wohl – mitnehmen müssen. Er stiert seinen Imker an, als wolle er ihn hypnotisieren. „Zur Jagd, zur Fleischbeschaffung! Solange die Russen hier hausen.“
Ja, meint der – scheinbar ohne Zusammenhang, Setter seien keine PARTISANEN.
Sophie Petow ist kreidig weiß geworden im Gesicht. Ihre schmalen Lippen zittern. „Wenn wir uns nicht mehr sehen sollten …!“, ruft sie plötzlich, auf Rudi zustürzend. Sie presst den Mund auf seine hagere Wange.

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