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Der Brunnen - Roman einer Kindheit


Der Brunnen - Roman einer Kindheit


1. Auflage

von: Erich-Günther Sasse

8,99 €

Verlag: Edition Digital
Format: EPUB
Veröffentl.: 27.03.2014
ISBN/EAN: 9783863947934
Sprache: deutsch
Anzahl Seiten: 630

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Als Jean, der Franzose, zurück nach Nizza gegangen ist, am Ende des großen Krieges, sind keine Männer mehr auf dem Hof, dort in Wallkau, jenem Dorf auf dem platten Lande zwischen großem Fluss und eiszeitlichem Hügelland. Die Erde ist fruchtbar, und nicht zählbare Generationen haben sich das Brot von ihr geholt. Nun müssen drei Frauen alles allein machen. Der Bauer ist tot, und auch von zwei Söhnen sind nur die Namen geblieben für den Enkel: Karl-Ludwig. Lange wird es dauern, bis die alte Grafe versteht, dass eine Zeit, gemessen nach Jahrhunderten, unwiderruflich zu Ende ist. Erst sträubt sie sich und kämpft, und ihr Stolz will nicht brechen und ihre Hoffnung nicht vergehen auf die Beständigkeit des Vergangenen: Karl-Ludwig soll der Erbe sein und alles so werden, wie es vielleicht nie war. Selten nur kann die alte Grafe den Rücken gerade machen und über die weiten Felder sehen bis zum Horizont. Und Erna, die Tochter, wird das Land ihrer Sehnsucht nicht erreichen. Und Frieda, Schwester und Magd, wird das Glück der eigenen Familie auch auf ihre alten Tage nicht mehr verspüren. Dreimal wird gefeiert: Karl-Ludwigs Taufe, da ist sogar sein Vater noch am Leben, die Hochzeit Franzens, der ein Versager ist, und später, schon nicht mehr ein dörfliches Fest, die bescheidene Hochzeit Karl-Ludwigs. Der kann nicht der Erbe sein und ist es doch. Das weiß die alte Grafe, als sie stirbt.
Erich-Günther Sasse schlägt mit diesem Buch, angefüllt mit Lebensläufen und Schicksalen, Träumen und Tatsachen, Komischem und Ernstem, unbekannte Seiten einer Chronik auf, in der Weltveränderndes vermerkt ist. Nicht aber bekannte geschichtliche Tatsachen sind sein Thema, sondern vielmehr die schlichte und wahrhaftige Schilderung von deren Wirkung auf Veränderte und Betroffene, von denen er wohl selbst einer ist.
Der erstmals 1980 im Hinstorff Verlag erschienene Roman wurde von der Stasi stark kritisiert. ... in seinem wesentlichen Inhalt nach offenkundig von einer feindlichen Position aus verfaßt und geeignet, antikommunistische Haltungen auszulösen bzw. zu verstärken. Seine Förderung und Herausgabe ist objektiv unverantwortlich im Sinne sozialistischer Kulturpolitik und ihrer Prinzipien.“ Joachim Nowotny empfahl es seinen Studenten am Leipziger Literaturinstitut als Lektüre. Das kritische Buch erlebte in der DDR drei Auflagen. Dem E-Book wurde der Auszug aus der Stasiakte und die Rezension von Joachim Nowotny angefügt. Möge der Leser entscheiden!
Geboren 1944 in Wallwitz bei Magdeburg, wohnhaft in Leitzkau bei Magdeburg.
Schule in Leitzkau und Gommern, Landwirtschaftslehre. Fachschule und später Studium der Landwirtschaft, Diplomagraringenieur
Direktstudium am Institut für Literatur in Leipzig.
Seit 1976 freischaffender Schriftsteller, Veröffentlichung von Romanen und Erzählungen.
Bücher:
Amerikaheinrichs Rückkehr. Erzählungen, Hinstorff Verlag, Rostock 1977
Der Brunnen. Roman, Hinstorff Verlag, Rostock 1980
Die Fremden. Erzählungen, Hinstorff Verlag, Rostock 1984
Abgefunden oder Das Siegel. Roman, Hinstorff Verlag, Rostock 1986
Manisch. Roman, Hinstorff Verlag, Rostock 1990
Ist Mittagszeit! Die alte Grafe humpelte ins Haus zurück. Tante Frieda folgte ihr, ohne Färber und Schleimann eines Blickes zu würdigen. Sie war immerhin die Schwester der alten Grafe, und diese da waren gar nichts. Mit dem Personal, dachte sie, mit dem Personal mache ich mich noch lange nicht gemein.
In der Küche wusch sie die Erdbeeren und kippte Milch und Zucker darüber. Die alte Grafe wischte Karlludwig Gesicht und Hände ab. Der Junge, sagte sie und ließ ihn nicht aus den Augen, der Junge gefällt mir gar nicht.
Ja, ja! Tante Frieda tat beschäftigt. Wenn ich krank bin, sagte sie, kräht kein Hahn danach.
Na, ich weiß nicht ... Die alte Grafe stellte den Topf mit Linsensuppe auf den Tisch. Schon den dritten Tag Linsen, maulte Tante Frieda. Bei uns wird gegessen, was da ist, sagte die alte Grafe. Dabei wusste jeder, erst recht Tante Frieda, dass noch von drei Schweinen das Eingeweckte hinter der Scheune vergraben war. Und in der Scheune, unterm Heu, dort ganz in der Ecke, wo die Balken zusammenstießen und keiner mehr was vermutete, lag in einer Truhe die Bratwurst.
Tante Frieda stocherte in der Suppe. Die alte Grafe nahm den Topf weg und stellte ihn in den Schrank. Wenn es dir nicht passt, sagte sie ungerührt, gibt’s gar nichts! Sie würde die Linsen morgen wieder auf den Tisch bringen. Und Tante Frieda würde sich nachher heimlich eine Leberwurststulle schmieren. Das wusste die alte Grafe. Sie wusste alles, was auf dem Hof geschah, auf dem Hof und in der Speisekammer. Lass dir ja nicht einfallen, heimlich was zu nehmen, drohte sie, das ist Diebstahl! Tante Frieda wurde rot und räumte eilig die Teller vom Tisch. Sie zog den Mund schief und murmelte beleidigt: Was du dir so denkst!
Die alte Grafe nahm Karlludwig wieder auf den Arm. Als er den Kopf gegen ihre Schulter lehnte und wimmerte, war sie erschrocken. Am Nachmittag ließ sie ihn keine Sekunde aus den Augen.
Es wurde Abend. Im Haus war es heiß. Obwohl die Fenster offen standen, wurde es nicht kühler. Die alte Grafe löschte das Licht und legte sich zu Karlludwig ins Bett. Auch Tante Frieda musste sich hinlegen. Die alte Grafe hörte sie bald schnarchen. Karlludwig hustete trocken und warf sich hin und her. Als die alte Grafe ihm die Hand auf die Stirn legte, wusste sie, dass er schwer krank war. Sie weckte Tante Frieda, stand auf, zog die schwarzen Kleider über, ging in die Küche, stocherte in der Herdasche und beschmierte sich Gesicht und Hände mit Ruß.
Sie lief über die nassen Wiesen bis zur Chaussee, die in die kleine Stadt führte. Im Dunkeln tastete sie sich vorwärts. Von Baum zu Baum, immer darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Hinter jedem Busch sah sie einen Russen stehen, einen, der sein Gewehr auf sie richtete.
Sie schlich durch dunkle Straßen, deren Häuser nicht bewohnt zu sein schienen. Als schrill eine Lokomotive pfiff, erschrak Karlludwigs Großmutter so sehr, dass sie sich an einem Gartenzaun festhalten musste. Mein Gott, seufzte sie, was einem alles passieren kann. Du hast das noch gar nicht gut eingerichtet. Es fehlt die Ordnung. Nicht dass ich dir Vorschriften machen will, aber so ist das! Sie lief weiter.
Die Villa, in der Doktor Kannebein lebte, stand am Rande der Stadt und war von einem hohen Eisenzaun umgeben. Die alte Grafe wusste, wo sie klingeln musste. Sie drückte ihren Daumen fest auf den Knopf und murmelte: Mein Gott, sag mir doch bloß, was ich machen soll! Es blieb still. Immer wieder drückte die alte Grafe auf die Klingel. Endlich wurde das Fenster einen Spalt breit geöffnet.
Was ist denn los? Die Frauenstimme klang abweisend.
Grafe, rief die alte Grafe, Grafe aus Wallkau, mein Enkel Karlludwig ...
Mein Mann fährt jetzt nachts nicht über Land, unterbrach die Frauenstimme sie.
Ihr seid doch Christenmenschen, sagte die alte Grafe.
Das hat damit überhaupt nichts zu tun! Das Fenster knallte zu.
Wieder und wieder drückte die alte Grafe auf den Klingelknopf. Mörder, murmelte sie verbissen, Mörder!
Was ist denn noch, fragte die Frauenstimme unwillig und schläfrig, ich habe Ihnen doch gesagt, dass mein Mann ...
Aber rumbocken, schrie Karlludwigs Großmutter, es war ihr gleich, ob sie ein Russe hören würde, rumbocken, der geile Bock! Ihr war, als müsse sie was zerstören. Mit der Hebamme, der Niebuhr, dieser Schlampe!
Unverschämt, so was! keifte die Frauenstimme. Das Fenster knallte wieder zu.
Es regnete, als die alte Grafe mit geschwollenen Beinen den Weg zurückhumpelte. Der Regen und die Tränen wuschen ihr den Ruß aus dem Gesicht, die Augen brannten.
Tante Frieda öffnete die Tür. Wie verrückt hustet er, sagte sie gleichgültig.
Und kein Dokter, flüsterte die alte Grafe, als sie an Karlludwigs Bett trat.
Tante Frieda erschrak über das blasse Gesicht der Schwester, die zerbissenen Lippen.
Die haben einen, ihr Arm zeigte dorthin, wo Bolbringers Haus lag.
Frieda! empörte die alte Grafe sich.
Ihre Gedanken waren ganz klar, als sie dachte: Die haben einen Arzt, die haben einen, und nur die haben einen!
Ich meine ja nur, stammelte Tante Frieda, die Angst hatte, ihre Schwester könnte sie losschicken.
Die alte Grafe betrachtete Karlludwig, die tief liegenden Augen, das feuerrote Gesicht, sie hörte seinen keuchenden Atem. Wenn er stirbt, dachte sie und nahm die Hand vor den Mund. Sie erinnerte sich, wie es gewesen war, als ihre Kinder Krankheiten gehabt hatten. Erna hatte ein paar Mal auf den Tod gelegen.
Daran dachte sie, als sie in die Küche lief. Sie rieb sich Gesicht und Hände schwarz und zog drei dicke Wollschlüpfer über, vorsichtshalber. Dann schlich sie wieder durch das dunkle Dorf. Vater unser, der du bist im Himmel, ach, die Russen glauben ja nicht, geheiligt werde dein Name, schade, dass sie nicht an dich glauben, vergib ihnen unsere Schuld, oh, Herr, und uns dazu, und führe sie nicht in Versuchung, murmelte die alte Grafe, um ihre Angst zu betäuben.
Stoi! schrie sie vor Bolbringers Haus einer an. Ein baumlanger Soldat packte sie hart am Arm und brachte sie ins Haus. Natürlich wussten die Russen nicht, was das alte schwarze Weiblein wollte, das mit zitternder Stimme immer dasselbe redete: Wir brauchen einen Dokter! Und die alte Grafe wusste nicht, was die Russen, die sie, mit den Händen redend, umstanden, von ihr wollten. Eine uniformierte junge Frau mit weißer Haut verstand endlich, weshalb die alte Grafe gekommen war. Drei Soldaten nahmen sie in die Mitte und brachten sie nach Haus. Der Arzt folgte ihnen, ein Köfferchen in der Hand. Es hatte aufgehört zu regnen. Ein trübes Dämmerlicht lag über Wallkau. Als sie ins Haus traten, war Tante Frieda nicht zu sehen.
Der Arzt untersuchte Karlludwig. Dass es eine Lungenentzündung sei, sagte er in gebrochenem Deutsch und gab ihm eine Spritze.
Er darf aber nicht sterben, die alte Grafe fasste die Hand des Arztes, nicht sterben, verstehen Sie!

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